Montag, 17. Juli 2017

Angst und Lebenssicherheit im Buddhismus


Die scheinbare Lebenssicherheit, die man durch die Selbstüberhöhung gewinnt, kann die eigene Angst und die eigenen Minderwertigkeitsgefühle nicht wirklich besiegen, denn sie ist Selbstbetrug und daher eine Scheinlösung. Der Mensch ist im Sinne von Joanna Macy in diesem Fall fixiert und kein offenes System; er kann am „Tanz des Lebens“ nicht teilnehmen.[i]

Auch die amerikanische Zen-Meisterin Joko Beck beschäftigt sich vor allem mit Problemen der Angst, Selbstüberschätzung, des Ich-Bezuges und der überstarken Ich-Grenzen, die hauptsächlich die Funktion von psychischen Schutzwällen haben.[ii] Aufgrund ihrer langjährigen Erfahrung mit Teilnehmern ihrer Sesshins und Seminare hat sie festgestellt, dass damit jedoch nur ein höchst brüchiger Schutz erreicht wird.

Eines ihrer zentralen Anliegen ist es, sich dieser Grenzen und Angstbarrieren bewusst zu werden, um sie dann abbauen und neue Kräfte entwickeln zu können. Joko Beck rät, das Leben einfach anzunehmen und dadurch „heil zu sein für das Leben“. Sie empfiehlt Offenheit und gesunden Realismus, wenn man etwas tun will, also eine realistische Eigenbewertung in Bezug auf die Zukunft.

Die Verhärtungen und Erstarrungen von Körper und Geist müssen aufgelöst werden, damit Körper und Geist wieder „fließen“ können. Man muss beweglich und offen für die Umgebung und für sich selbst werden, dann kann die Dualität von Ich und Objekt überwunden werden, und neue Energien fließen einem zu. Aber das ist gewiss leichter gesagt als getan.

Was rät uns nun Dôgen, um diese Probleme zu lösen?
Die Bedeutung des Ausdrucks „Was ohne Dauerhaftigkeit ist“, geht weit über das hinaus, was Nicht-Buddhisten aber auch einige buddhistische Gruppen darunter verstehen. Nishijima und Cross erläutern hierzu, dass Dôgen damit auf das Sanskritwort anitya anspielt, das im Allgemeinen die prozesshaft gedachte Vergänglichkeit, Veränderlichkeit und Nicht-Ewigkeit bedeutet.[iii]

Häufig versteht man unter anitya im Buddhismus das bedingte Entstehen, also die vernetzten Veränderungen. Diese werden wiederum im Zusammenhang mit der Leerheit (shunyata) gesehen, die andauernd und unveränderlich sei. Dies ist nach Dôgen und Nishijima Roshi aber eine unzureichende Erklärung.

Es geht hier vielmehr um den ganz kurzen Augenblick, der ja von Natur aus niemals dauerhaft und konstant ist und sich als Zeitdauer nicht vernünftig darstellen lässt.
Da laut Dôgen die Wirklichkeit und Wahrheit des Lebens, hier also die Buddha-Natur, genau im Augenblick mit uns identisch ist, handelt es sich um eine ganz neue Interpretation der Veränderlichkeit und der Buddha-Natur.




[i] vgl. Macy, Joanna: Geliebte Erde, gereiftes Selbst. Mut zu Wandel und Erneuerung
[ii] vgl. Beck, Charlotte Joko: Einfach Zen
[iii] Shobogenzo, englische Fassung, Bd. 2, S. 13, Fußnote 61

Samstag, 8. Juli 2017

Die Buddha-Natur ist nicht statisch sondern dynamisch


Die Buddha-Natur ist das wahre Selbst des Menschen. Ist sie in der modernen Zeit erstarrt? Der Zen-Meister Meister Daikan Enô gibt die Antwort.

Nach Dôgen sagte er klipp und klar, und das gehört zum Kernbestand der buddhistischen Lehre:
„Das ohne Statik ist Entstehen und ist die Buddha-Natur. Das, was Statik und Dauerhaftigkeit hat, ist der ein-dimensionale Geist, der alle Dharmas entweder in gut oder in schlecht unterteilt.“

Der hier angesprochene erstarrte und dogmatisch bewertende Geist ist also gerade nicht die Buddha-Natur. Er ist z. B. typisch für gewalttätige Extremisten, die wie in Hamburg, Fensterscheiben einschlagen und Autos abfackeln oder die wie in Syrien im Namen "Gottes" bomben und sogar morden.

Dass sich die Wirklichkeit wandelt und verändert, ist im Buddhismus eine wichtige und weit verbreitete Lehre. Typisches Beispiel dafür ist das wechsel-wirkende Entstehen in der Welt, also vernetzte Prozesse, die sich gegenseitig beeinflussen und jeweils Voraussetzung für alles Wachsen sind, für die Veränderungen des Gesamten und der vernetzten Teilsysteme. So funktioniert auch unser Gehirn, das neuronale Netz.

Die Veränderungen sind von zentraler Bedeutung für unsere Befreiung und Emanzipation von erstarrten Ideologien, Materialismus  und unrealen Weltanschauungen. Sie werden häufig nur zeitlich linear und eindimensional verstanden, was eine Verengung bedeutet. Weil man nur im Augenblick wirklich existiert, gibt es in diesem Zeitpunkt das höchste Maß an Wahrheit und zugleich den Impuls zur Befreiung aus Statik und Erstarrung, das sind wahre Veränderungen.

Es geht um den Zeitpunkt der vernetzten Prozesse, und wir erleben ihn existenziell als die Wirklichkeit gemäß der Sein-Zeit. Das ist das große Jetzt. Erstarrte Vorstellungen im Zeitablauf sind maßgeblich von eindimensionalen Denkprozessen und Vorstellungen abhängig, bei der Existenz-Zeit des Augenblicks sind sie demnach bedeutungslos. Erstarrte Vorstellungen und Ideologien führen zu Hass, Zerstörungswut und Intoleranz. Wie sollten"ohne" sein, das ist die berühmte Leerheit des Buddhismus!

Daikan Enô (Hui neng) sagt ganz klar, dass die Buddha-Natur ohne statische Dauerhaftigkeit aber voller Lebendigkeit ist, und dass der gewöhnliche Geist des Menschen im krassen Gegensatz dazu in konstanten dauerhaften Vorstellungen gefangen ist. Dies gilt vor allem für dogmatische Bewertungen und Unterscheidungen, wie total gut und total schlecht, richtig und falsch, moralisch und unmoralisch. So Etwas gibt er in der Wirklichkeit nicht. Daher ist es wichtig, sich der Gefährlichkeit von dogmatischen Bewertungen bewusst zu werden, sie zu erkennen und zu vermeiden.

Vor allem selbstgerechte moralische Bewertungen der "Anderen" werden meist zum überdimensionalen Aufbau des eigenen Ego und zur Selbstüberhöhung genutzt, auch wenn dies weitgehend unbewusst geschehen mag. Das hat zur Folge, dass die Wirklichkeit verdeckt und vernebelt wird, die unmittelbare positive Kraft der Wirklichkeit also geschwächt ist. Das führt zu Leiden und Unfreiheit, aber es kann durch die buddhistische Praxis überwunden werden. Unsere Erleuchtung ist ohne Ideologien und sie ist kraftvolle Lebendigkeit.

Montag, 3. Juli 2017

Meditation: Zazen-Praxis von Meister Dôgen

(G. W. Nishijima und Yudo Seggelke)


Kodo Savaki

Meister Dôgen war zunächst von seiner China-Reise enttäuscht, aber er hoffte, einen wahren buddhistischen Meister zu finden, um das zu erlangen, was er so sehr anstrebte. Am 1. Mai 1225 traf er dann Meister Tendô Nyojô. Er erkannte in ihm schlagartig seinen wahren Meister und studierte und praktizierte Buddhismus unter seiner Leitung. Die Tatsache, dass er mit diesem Meister zusammentraf, ist von größtem Wert für den Buddhismus. Bevor Dôgen ihm begegnet war, praktizierte er Zazen mit der Vorstellung, dass man auf ein Ziel gerichtet und mit großer Anstrengung die Erleuchtung erringen müsste. Die buddhistischen Lehren Tendô Nyojôs unterschieden sich vollständig von dem, was Dôgen bis dahin kennengelernt, aber auch, was er in China erwartet hatte. Meister Tendô Nyojô sagte mit großer Bestimmtheit:

„Zazen zu praktizieren bedeutet nur, Körper und Geist fallen zu lassen. Es ist nicht notwendig, dass wir Räucherwerk anzünden, Buddhas Namen rezitieren, unsere Sünden bekennen oder überhaupt Sûtras lesen. Aber wenn wir richtig sitzen, ist alles schon von Anfang an erreicht worden.“

Diese Worte bedeuten, dass die Zazen-Praxis das vegetative Nervensystem ins Gleichgewicht bringt und dass wir das einengende und verzerrende Bewusstsein von Körper und Geist verlieren. Wenn wir nur Zazen praktizieren, verwirklicht sich schon von Anfang an einfach und direkt die Freiheit vom eingeengten Bewusstsein des Körpers und Geistes. Diese Erkenntnis ist einer der wichtigsten Kernpunkte der buddhistischen Lehre überhaupt. Die willensmäßige Konzentration auf das Ziel der Erleuchtung ist also völlig sinnlos und zerstört gerade die wahre Zazen-Praxis. Das hatte übrigens schon Buddha bei seine beiden ersten spirituellen Lehrern erfahren.

Zazen ist nur das ruhige Handeln des Sitzens im gegenwärtigen Augenblick selbst. Wir müssen daher in aller Klarheit sagen, dass beim Zazen das Ziel, die praktische Methode und das eigentliche Handeln beim Sitzen vollkommen zu einer Ganzheit verschmolzen und damit ein Ganzes sind. Es ist sehr wichtig, dass wir Zazen einfach und ohne Verspannung als die erste Erleuchtung praktizieren, und wir müssen uns überhaupt nicht darum sorgen, wann die zweite Erleuchtung kommen wird.

Die erste Erleuchtung ist, Zazen im gegenwärtigen Augenblick zu praktizieren, indem wir Körper und Geist fallen lassen. Die zweite Erleuchtung ist das vollständige Verständnis der buddhistischen Lehre auf der Grundlage des ehrlichen täglichen Lebens als Mensch, der den Buddhismus praktiziert. Dabei ist der wichtigste Kern die Zazen-Praxis selbst, wie sie hier beschrieben wird und die wir in dieserKlarheit Meister Dôgen verdanken.

Er sagt zur Ganzheit von Zazen-Meditation und Ergebnis der Freiheit:
"Wenn nur irgendeine kleinste Abweichung existiert, dann wird diese Lücke der Abweichung (zum Beispiel durch Gedanken) sehr viel breiter und übertrifft sogar den ungeheuren Abstand zwischen Himmel und Erde. Wenn sich daher der kleinste Unterschied irgendeiner Art (zwischen Praxis und Ergebnis beim Zazen) ereignet, müssen wir wegen der Abweichung unsere geistige und körperliche Ausgeglichenheit vollständig verlieren.

Obgleich wir stolz auf unser klares Verständnis und reich mit klugen Entscheidungen ausgestattet sind, obgleich wir noch zusätzliches ausgezeichnetes Denken und dessen Wahrheit erlangen, obgleich wir den Geist klären, den Willen ertüchtigen und den Himmel großartig durchstoßen und den Kopf in den Bereich des denkenden Handelns bringen, misslingt es uns vollkommen, unseren Körper tatsächlich in den Bereich des wahren Handelns selbst zu bringen."


Und weiter: "Wenn ihr beständig dieses Etwas des Unfassbaren praktiziert, wird sich das Schatzhaus der Juwelen auf natürliche Weise öffnen, und es wird für euch leicht möglich sein, sie zu empfangen und zu verwenden – genau so, wie ihr es wollt.“

Hier geht es zum erweiterten Text:
http://yudoblog-f.blogspot.de/



[i] Dieses Kapitel ist auch in dem Buch „Aus meinem Leben“ von G. W. Nishijima abgedruckt.

Donnerstag, 22. Juni 2017

Die Frage der Buddha-Natur auf den Punkt bringen


Dôgen formuliert überraschend:

„Menschen werden Buddha, aber die Buddha-Natur kann nicht Buddha werden.“

Das klingt eigenartig. Was ist gemeint? Er fragt sogar weiter, ob der junge Daikan Enô sich dieser Tatsache bewusst war. Ich verstehe das so: Jeder Mensch kann erwachen und damit zur klaren Wirklichkeit gelangen. Genau diese Wirklichkeit und Wahrheit sind die Buddha-Natur. Es ist jedoch irrig zu glauben, dass die Buddha-Natur wie ein abgegrenzter Samen im Menschen vorhanden ist und sich dann verwirklicht. In diesem gedachten oder erträumten Fall wäre die Buddha-Natur vorher als eigene vom Menschen getrennte Entität da und würde dann irgendwie Buddha werden. Nach Nishijima Roshi wäre eine solche Vorstellung dem Idealismus zuzurechnen und damit irreal. Dieser gibt den nicht materiellen Ideen und Gedanken die höchste Bedeutung und behauptet sogar, dass sich Ideen materiell realisieren und so der Ursprung aller Form und Materie sind. Dôgen lehnt eine solche Irrlehre in diesem Kapitel kategorisch ab.

Er bezeichnet die Kraft, die Wirklichkeit und Wahrheit unverstellt und unverzerrt zu erkennen und zu erleben, als „die höchste Kraft der Sammlung“ auf die Wirklichkeit, genau so wie sie ist. Solche Formulierungen verwendet er häufiger im Shôbôgenzô, zum Beispiel: „Die Wirklichkeit ist durch die Wirklichkeit fokussiert“ und dadurch kraftvoll und nicht zerstreut. Das heißt, sie ist nichts als die Wirklichkeit selbst, ohne Zusätze, Verengung [i] und ohne überflüssige "Gehirnwellen" (ein Begriff aus dem Yoga).

Dôgen erklärt aber, dass er die Frage „Welches Konkrete ist die Buddha-Natur?“ für außerordentlich wichtig hält. Er überlegt, ob der junge Daikan Enô mit seinem damaligen Geist bei seiner Ankunft im Kloster diese Frage bereits gestellt hätte, und er bedauert, dass es nur wenige Menschen in seiner Zeit gab, die eine solch präzise Frage nach der Buddha-Natur stellen und untersuchen konnten. Spitzfindige Diskussionen der Theoretiker über die Existenz oder Nicht-Existenz einer "Entität der Buddha-Natur" hält er dagegen für überflüssig und bedeutungslos.

Bei dieser Frage geht es ihm weniger um ein Ergebnis oder eine scheinpräzise Definition, also eine behauptete abschließende Beantwortung, sondern darum, dass wir durch einen lebendigen Prozess der Analyse tiefer in die Bedeutung dessen, was mit Buddha-Natur bezeichnet wird, eindringen können. Denn Vorstellung und Bezeichnung sind nicht die Wirklichkeit, sondern deuten auf sie. Nicht mehr und nicht weniger.

Er empfiehlt uns, dass wir diese Frage
zweimal oder dreimal und für lange Zeitalter durchsieben“.

Dies ist ein sehr konkretes Gleichnis, das den Schwerpunkt auf das Handeln und Tun legt und nicht auf das erträumte Ergebnis. Es besagt, dass die eigentliche Kraft „genau im Sieb" und dem siebenden Menschen gegenwärtig ist. In seiner typischen Weise rät Dôgen uns, diese Frage aufzugreifen, zu behandeln und wieder loszulassen. Aber mit unsinnigen Fragen wie zum Beispiel, ob die Buddha-Natur ohne Materie, feinstofflich oder rein geistig sei, sollten wir uns nicht beschäftigen, sondern stattdessen sorgfältig praktizieren und sinnvoll handeln: Just do it, make yourself.






[i] vgl. Shobogenzo, englische Fassung, Bd. 2, S. 12, Fußnote 57

Montag, 5. Juni 2017

Wie werden wir im Augenblick Buddha?

Dôgen sagt:

Wir werden sofort genau in dem Augenblick Buddha, (wenn wir) ohne sind, (das ist) die Buddha-Natur. Wer diese Aussage niemals gehört und beherzigt hat, ist nicht Buddha geworden.“

Das klingt eigenartig, ist es aber nicht. Im Zen weisen scheinbare Paradoxien oft auf ganz zentrale Wahrheiten der alten Meister hin. Dôgen verstärkt:

"Wer die Wahrheit nicht kennt, dass „alle Lebewesen, die ohne sind, die Buddha-Natur sind“,

kann demnach laut Dôgen unmöglich den wahren Buddhismus erfahren und erlernt haben. Meister Konin hatte sofort intuitiv erkannt, dass Daikan Enô bei seiner Ankunft den festen Willen und die Fähigkeit hatte, den Buddhismus in Theorie und Praxis authentisch zu erlernen.

Damit zeichnete er den Weg und die Art und Weise des Lernprozesses für Daikan Enô präzise vor. Dieser sollte also die Wirklichkeit und nichts als die Wirklichkeit erlernen; dazu dienten sowohl die Zazen-Praxis als auch andere konkrete praktische Arbeiten im Kloster.

Als Nächstes zitiert Dôgen noch einmal Daikan Enô:

„Die Menschen haben Süden und Norden, aber die Buddha-Natur ist ohne Süden und Norden.“

Dôgen fordert uns auf, diese Aussage sehr genau zu untersuchen und dabei mit unverstelltem Geist vorzugehen – man könnte auch sagen mit Anfängergeist im Sinne von Shunryu Suzuki: ohne Vorbedingungen, ohne zu verurteilen und frei von ideologischen Verhärtungen.

Ich interpretiere Daikan Enôs Worte folgendermaßen: Die Bezeichnungen Norden und Süden sind auf eine materielle Ebene beschränkt, die nicht in der Lage ist, die höchste Ebene des Erwachens, der Wirklichkeit und damit der Buddha-Natur zu beschreiben. Außerdem schwingt darin die damals übliche Diskriminierung des Südens durch den Norden mit.


Derartige Bewertungen und Diskriminierungen haben im Zusammenhang mit der Buddha-Natur aber nicht die geringste Bedeutung. Im Gegenteil: Sie sind schädliche "likes" und dislikes". Die Buddha-Natur ist die wahre Natur des Menschen und der Welt; räumliche Zuordnungen sind daher nicht relevant. Zu dieser Natur kann sich nach Buddha jeder entwickeln und emanzipieren.

Mittwoch, 24. Mai 2017

Zen-Meditation und Buddha-Natur



Meister Konin fragt den jungen Daikan Eno (Hui Neng)

Wie kannst du erwarten, ein Buddha zu werden?“
Das kann man wie folgt zu verstehen:

Welche Art von Buddha-Werden erwartest du?“
Also etwa: Welchen Weg der Verwirklichung möchtest Du einschlagen?

Es geht auch für uns nicht um die Frage, dass wir die Buddha-Natur verwirklichen können, sondern wie wir das machen. Nach Dôgens Überzeugung ist es nicht hilfreich zu sagen, man hat eine Buddha-Natur oder man hat sie nicht. Es geht nicht um eine Ding-Metaphorik des Habens oder nicht Habens oder des Besitzens oder nicht Besitzens. Es geht überhaupt nicht um philosophische Metaphysik sondern konkret darum, wie der Mensch erwacht und sich von unnötigem Ballast befreit. Wie kann er das machen? Er sollte sich aus den Fesseln von Dogmen, Ideologien und anderen Abhängigkeiten befreien. Sie sind gerade keine die Stütze, sondern Hemmnisse und nicht das Hier und Jetzt.

Das lehrte Gautama Buddha und die chinesischen großen Meister praktizierten es und gaben es an uns weiter. Im Achtfachen Pfad der Befreiung sind die ersten beiden Blöcke: "Rechte Sichtweise" und "Rechte Entscheidung" und der achte die "Rechte Meditation". Das ist jedem zugänglich.

Dôgen gibt eine Fülle von sehr genauen Antworten zu Fragen über die Buddha-Natur. Er macht eine ganz zentrale Aussage über die Ganzheit der Buddha-Natur mit dem Zustand und der Dynamik des Erwachens:

„Die Wahrheit der Buddha-Natur ist, dass wir nicht über die Buddha-Natur verfügen, bevor wir den Zustand des Erwachens und damit Buddhas verwirklichen. Wir sind mit ihr ausgestattet und folgen der Verwirklichung des Zustandes von Buddha.“

Das Erwachen und die Buddha-Natur sind also unlösbar miteinander verbunden. Das heißt, dass wir die wahre Natur des Menschen erfahren, wenn wir erwacht und erleuchtet sind. Ganz wichtig ist es laut Dôgen, nicht nur theoretisch die Einheit von Buddha-Natur und erwachtem Zustand zu denken, sondern diese in der Praxis und Wirklichkeit selbst zu erfahren. Und dabei geht es um die Beobachtung und Achtsamkeit unserer eigenen Veränderungen auf dem Weg der Befreiung

Nishijima Roshi sagt in seiner direkten Art, dass bei der Meditation der Zazen-Praxis sich genau die erste Erleuchtung ereignet. Und das heißt nichts anderes, als dass wir dann eine Ganzheit mit der Buddha-Natur sind. Dôgen hält fest:

„Die Buddha-Natur und die Verwirklichung von Buddha werden unausweichlich zusammen im selben Zustand erfahren.“

Die Einheit von Buddha-Natur und Erwachen ist nach Dôgen ganz genau und wahr. Alle Lehren, die etwas anderes verkünden oder behaupten, sind selbst weit von der Buddha-Natur entfernt, erklärt er. Es wäre unmöglich, dass die große Wahrheit der Buddha-Natur den heutigen Tag erreicht hätte, wenn sie nicht die Qualität der Ganzheit mit dem erwachten Zustand hätte. Nur so könne man die Buddhaschaft verwirklichen. Und nur so könne die Aussage von Meister Konin verstanden werden:

„Die Menschen südlich der Berggipfel sind ohne (das Unwirkliche), (sie sind) die Buddha-Natur.“

Nishijima und Cross[i] erläutern hierzu, dass wir Buddha werden, wenn wir uns frei von allem machen, was nicht wirklich zu uns gehört.

Einen solchen Zustand erfahren wir in der Zazen-Praxis.






[i] Shobogenzo, englische Fassung, Bd. 2, S. 12, Fußnote 55

Sonntag, 7. Mai 2017

Unlösbar verbunden: das Erwachen und die Buddha-Natur


Solandra auf La Gomera

Das folgende Kôan-Gespräch zwischen dem fünften und sechsten Nachfolger in China, also dem überragenden Meister Daikan Enô (Hui Neng), eröffnet eine tiefgründige Dimension der Buddha-Natur. Dieses Gespräch hat laut der Überlieferung stattgefunden, als der junge Daikan Enô im Kloster seines Meisters Daiman Konin als „Anfänger“ ankam.
Daiman Konin fragte den Ankömmling:

„Woher kommst du?“ Und dieser antwortete:

„Ich bin ein Mann vom Süden der Berggipfel.“ Der Meister fragte weiter:

„Was möchtest du durch dein Herkommen erlangen?“  Daikan Enô erwiderte:

„Ich möchte Buddha werden.“ Daraufhin sagte Meister Konin scheinbar abweisend:

„Ein Mann aus dem Süden der Berggipfel ist ohne, (das ist) die Buddha-Natur. Wie kannst du erwarten, Buddha zu werden?“

Das klingt paradox, weil doch Daikan Enô als einer der größten und einflussreichsten Meister des Chan in China und des Zen in Japan gilt. Wie kann man dieses Kôan auflösen?

Meinte der alte Meister damit etwa, dass der Ankömmling aus dem Süden nicht Buddha werden kann? Das Gegenteil ist richtig. Hierzu muss man wissen, dass der Süden Chinas damals spirituell, kulturell und zivilisatorisch weniger entwickelt war als der Norden, in dem auch der Buddhismus einen deutlich höheren Entwicklungsstand hatte. Es geht hier um ein falsches Verständnis der Buddha-Natur und der Leerheit, das von Meister Konin richtig gestellt wird.

Das Kloster von Meister Konin lag im Norden Chinas, und man könnte seine Aussage daher so verstehen, dass ein Mann aus dem unterentwickelten Süden überhaupt keine Buddha-Natur habe und deshalb nicht Buddha werden könne.

Auf der Grundlage der in einem anderen Kôan-Gespräch zu dem Begriff „ohne“ wiedergegebenen Bedeutung ergibt sich jedoch eine zweite, viel wichtigere Bedeutungsebene: die Leerheit von Täuschungen und ethisch unheilvollen Doktrinen.

Diese Bedeutung wird bereits vom indischen Meister Nagarjuna in der tiefen Weisheit des Mittleren Weges herausgearbeitet. Damit sagt Meister Konin nichts anderes, als dass die wahre Bedeutung von Buddha-Natur und Leerheit gleich sind. Also ist die Leerheit kein Nichts sondern die höchste dem Menschen zugängliche Wahrheit! Und sie ist keine Idee und kein Ding sondern viel mehr: die reine Wirklichkeit ohne Störungen, Täuschungen, Verzerrungen, genau in der Wahrheit des Augenblicks.

Zweifellos hat Meister Konin dieses im Sinn, denn die Bedeutung der Leerheit ist sein Hauptthema, wie aus anderen Ausführungen deutlich wird. Seine Aussage ist also keineswegs eine Diskriminierung des Schülers aus dem Süden, sondern bedeutet etwa Folgendes:

Unabhängig davon, ob du, Daikan Enô, aus dem Süden oder aus irgendeiner anderen Gegend kommst, bist du ohne, also frei von allem, was nicht die Wahrheit und Wirklichkeit ist, zum Beispiel frei von Täuschungen, Illusionen, Ängsten, affektiven Abhängigkeiten, Gier, Hass und Verblendung usw..

Du bist nur die Wahrheit und Wirklichkeit, sonst nichts. Wer aber wie du die wahre Natur – die Buddha-Natur – verwirklicht, der ist damit auch in der Wahrheit und ist Buddha. Es bedarf also keiner fundamental neuen Existenz, du bist bereits Buddha. Es kommt nur darauf an, das im Augenblick zu verwirklichen, das ist Dein Erwachen.