Dienstag, 10. Januar 2017

Es ist kein gewöhnlicher Name: Buddha-Natur



Als der Meister Dai-i einem ganz ungewöhnlichen Kind begegnete, fragte er: „Was ist dein Name?“
Dessen Antwort lautete: „Ich habe einen Namen, aber es ist kein gewöhnlicher Name.“

Die Formulierung „Was ist dein Name?“ bedarf der Erläuterung. In der Umgangssprache würden wir sicher fragen: „Wie ist dein Name?“ oder „Wie heißt du?“ Das Wort „was“ fragt hier aber nach der menschlichen Wirklichkeit, der wahren unfassbaren Existenz und der umfassenden Bedeutung eines Menschen. Es geht also darum, den zufällig von der Familie gegebenen Namen beiseitezulassen und auf das Wesentliche des Menschen zu kommen.

Selbstverständlich stellt sich hier die Frage, inwieweit ein Mensch überhaupt vollständig zu beschreiben ist und inwieweit sein Geist erfasst werden kann. Dôgen ist diesen Themen in mehreren Kapiteln des Shôbôgenzô tiefgründig nachgegangen.[i]

Kurz gesagt wird im Zen-Buddhismus gelehrt, dass der Geist und damit der Mensch insgesamt unfassbar ist, aber wirklich ist und existiert. Dies hört sich zunächst wie ein Gegensatz an, ist es aber nicht. Auch die moderne Systemtheorie spricht zum Beispiel davon, dass die Komplexität der Welt unendlich ist, also niemals vollständig erforscht werden kann.

Meister Dai-i fragte weiter: „Was für ein Name ist es?“
Der Junge antwortete: „Es ist die Buddha-Natur.“

Der Meister stellte daraufhin fest: „Du bist die Buddha-Natur, du bist ohne.
Soll das bedeuten, dass das Kind ohne Buddha-Natur ist? Das Gegenteil ist richtig, denn die Buddha-Natur selbst wird durch das Wort „ohne“ gekennzeichnet. Die Formulierung „ohne“ oder „nicht“ wird im Zen-Buddhismus dafür verwendet, dass der Mensch die Buddha-Wahrheit erlangt hat und gerade deshalb ohne Restriktionen, Vorurteile und Täuschungen lebt. Sein Körper-und-Geist sind eine Ganzheit und frei, das heißt, er ist die Buddha-Natur, sein Wahrheits-Wesen.

Und folgerichtig ergänzte der Meister: „Die Buddha-Natur ist Leerheit. Wir sagen daher, dass es das Wesen ohne (Täuschungen ist).“

Dôgen bringt in diesem Zitat zum ersten Mal den Begriff der Leerheit ein, der mit diesem Kôan-Gespräch tradiert wurde. Im Shôbôgenzô verwendet er diesen Begriff kaum, und auch Nishijima benutzt ihn selten. Denn die Leerheit ist immer wieder Anlass für Fehlinterpretationen und skurrile Vorstellungen, die nicht weit vom lebensfeindlichen Nihilismus und Sarkasmus entfernt sind, also mit Buddhismus nicht viel gemeinsam haben.

Anmerkung: Für zwei Wochen fahre ich morgen in den Urlaub.
Bis bald, Yudo






[i] vgl. auch Seggelke, Yudo J.: ZEN-Geist – Durchbruch zur Klarheit

Samstag, 7. Januar 2017

Buddha-Natur und die Meditation des Zazen - Wirklichkeit



Dôgen spricht aus seiner eigenen tiefen Erfahrung des Samâdhi und der Zazen-Praxis: Im Zustand der Vertiefung in der Meditation erfährt man direkt und ohne intellektuelle Umwege und Sackgassen die Buddha-Natur.

Durch Denken und Überlegungen kann man die Buddha-Natur nicht erleben und erfahren: Theorie ist dabei oft eine Sackgasse, aus der man sich nicht so leicht befreien kann. Nishijima Roshi empfiehlt daher ohne Wenn und Aber, jeden Tag Zazen zu praktizieren, das sei die tägliche Verwirklichung der Buddha-Natur!.

Dabei geht es im Zen vor allem um die Vierte Vertiefung nach der buddhistischen Lehre Das ist der gegenstandslose und affektfreie Zustands des Zazen, bei dem Leid und oberflächliche Freude verschwunden sind – das reine Sitzen im Lotossitz (Shikantaza). Dieses konkrete Sitzen im Samâdhi setzt Dôgen also mit der Buddha-Natur gleich, denn dabei erfahren und erleben wir direkt unsere eigene wirkliche Natur, die der Umgebung und des ganzen Universums.[i]

In einem Gedicht des bekannten indischen Meisters Ashvaghosha heißt es, dass der Samâdhi auf der Buddha-Natur „beruht“. Dôgen stimmt dem nicht zu und betont ohne Umschweife, dass wir die Begriffe und Vorstellungen von beruhen, abhängig und unabhängig sein, überschreiten müssen. Wenn der Samâdhi nur auf der Buddha-Natur beruhen würde. müssten beide irgend wie getrennt oder sogar unabhängig voneinander sein. Aber das ist nicht möglich. In der Welt der Begriffe und der Sprache können wir die Buddha-Natur nicht selbst erfahren und es entstehen häufige Irrtümer. Begriffe können bestenfalls auf die Wirklichkeit hinweisen, wie der Finger auf den Mond zeigt, aber sie sind nicht die Wirklichkeit selbst.

Das Selbe gilt für die sogenannten sechs mystischen "übernatürlichen" Kräfte, sie dürfen ebenfalls nicht dogmatisch und materiell verstanden werden, sondern sind symbolhafte Beschreibungen.

Dôgen de-konstruiert und erweitert also die tradierten Bedeutungen, überschreitet einen illusionären Mystizismus und stellt das ganz Konkrete in den Mittelpunkt. Damit werden dogmatisierte buddhistische Begriffe und Vorstellungen entschlackt und zu neuem Leben erweckt.[ii]

Wir erkennen unschwer die gleiche Motivation wie bei Meister Nâgârjuna, der in seiner Zeit ähnlich handelte. Dadurch wurden Fehlentwicklungen des Buddhismus destruiert und die verlässliche Basis für seine Weiterentwicklung geschaffen.

Im alten China verwendete man für etwas Konkretes die für uns eigenartig klingende Formulierung „drei und drei davor und drei und drei dahinter“.[iii] Damit werden konkrete und reale Ereignisse gekennzeichnet, die im Gegensatz zu abstrakten Begriffen oder Ideen stehen.[iv] Wir müssen uns immer wieder davor hüten, die wörtlichen, oft übersetzten Zitate aus der Geschichte des Buddhismus zu dogmatisieren, zu abstrahieren und subjektiv zu verändern.

Dôgen betont, dass wir die konkreten Gegebenheiten im Augenblick in den Mittelpunkt stellen müssen, denn genau diese umfassen den Ozean der Buddha-Natur.[v]





[i] Nishijima, Gudo Wafu; Seggelke, Yudo J.: Die Kraft der ZEN-Meditation. Im Auge des Zen, Bd. 4
[ii] Kap. 25, ZEN Schatzkammer, Bd. 1, S. 221 ff.: „Die mystische Kraft des Lebens und Universums (Jinzû)“
[iii] Shinji Shobogenzo, Bd. 2, Nr. 27
[iv] Kap. 25, ZEN Schatzkammer, Bd. 1, S. 221 ff.: „Die mystische Kraft des Lebens und Universums (Jinzû)“
[v] Shinji Shobogenzo, Bd. 2, Nr. 88

Freitag, 30. Dezember 2016

Buddhas Mittlerer WEG bei Erregung: Vertreibung von "Teufels"-Doktrinen



In diesem Kapitel des MMK gibt Nagarjuna einen Einstieg, wie wir auf dem Mittleren Weg mit starken Gefühlen, Affekten, Erregung, großer Liebe, großem Mitgefühl und letztlich mit Gier, Neid und Hass im Buddhismus richtig umgehen können und welche Doktrinen wir vor Allem destruieren sollten. Es ist klar, dass wir Extreme vermeiden sollten, um uns und anderen nicht zu schaden und unsere eigene Befreiung voran zu bringen.

In Sanskrit verwendet der Autor den Begriff raga, der aus Farbe und Färben abgeleitet ist: Wie werden Geist, Psyche und Körper durch Affekte, große Gefühle oder durch emotionale Fesseln und eruptive Durchbrüche verändert und gefärbt? Wie kann man sie steuern? Und weiter: Welches belastbare buddhistische Wissen gibt es dazu und was ist falsches Schein-Wissen, das heute im Internet auch als fake bezeichnet wird?

Fake-Informationen sind zunehmend zum drückenden Problem geworden, davon ist auch der Buddhismus leider nicht ausgenommen. Schnell-Erleuchtung ist ein wenn auch wirkungsloses Markt-Produkt geworden. In diesem Sinne ist es daher unsere Aufgabe, die tradierte verzerrte Lehre der Erregung und emotionaler Extreme gründlich zu entschlacken.

Buddha nennt bei den Hemmnissen des Erwachens Folgendes:„auf Sinnlichkeit gerichtetes Wollen“ sowie „Aufgeregtheit und Unruhe“, also materiell-sinnliche Gier und psychische Hektik. Sie sind oft unbewusst und können von manchen nicht mehr gesteuert werden. Das sind auch in der heutigen Zeit wichtige Probleme, die nicht einfach wegdiskutiert werden können.

Dem stellt Buddha bei den sieben Faktoren des Erwachens die Achtsamkeit, Energie, Gestilltheit und vor Allem die Freude gegenüber. Damit gibt er die Richtung für unserer Weiter-Entwicklung vor, nämlich die Überwindung von Kummer, Jammer, Gram Verzweiflung, Angst, Stress, Hoffnungslosigkeit und Zukunfts-Horror, unter denen heute so viele Menschen zu leiden haben. Bei der Betrachtung unserer Gefühle rät uns Buddha mit Achtsamkeit zu erkennen:“ Ein freudiges Gefühl empfinde ich“ oder „ein leidiges Gefühl empfinde ich".

Wichtig ist es deren Entstehen und Vergehen zu betrachten und zu „verstehen“, um daraus für die Gestaltung und Veränderung des eigenen Lebens Klarheit zu gewinnen: So werden neue Impulse und Energien wirksam. Dabei ergeben sich die Kraft, Motivation und der Mut zur Veränderung besonders durch Freude und nicht durch depressive und zerstörerische Selbst-Vorwürfe, wie manche verzerrt tradierte Religionen uns vielleicht weismachen wollen!

Wie baut der Autor nun dieses kurze und wichtige Kapitel auf?
Er beschreibt die vor-buddhistische Auffassung, dass Erregung und der erregte Mensch verschiedene und getrennte Sachen und Entitäten seien. Das hört sich kompliziert an. Was soll damit gesagt werden? Die Erregung wird dabei wie eine getrennte Wesenheit verstanden, die herbeikommt, den Menschen ergreift oder in ihn fährt. 

Die Teufel von Arezzo

Das erscheint recht skurril, ist aber auch in unserer Kultur in ähnlicher Form durchaus zu finden: Es erinnert mich an das berühmte mittelalterliche Bild der italienischen Stadt Arezzo, wo der heilige Franziskus die Teufel austreibt, die in die Bürger eingefahren waren. Die Menschen waren von den Teufeln besessen, die von ihnen getrennte böse Wesenheiten waren. Nach der Austreibung waren die Menschen von ihnen befreit und hatten ihre ursprüngliche Natur zurück gewonnen. Die Austreibung wurde nicht von ihnen selbst geleistet, sondern bedurfte einer höheren Macht. Nach dem Bild war es so möglich, dass die Teufel wieder ausgetrieben wurden: Und man sieht sie über den Dächern von Arezzo fliegend und zerknirscht verschwinden.
                                                 
Mir drängt sich der Vergleich mit Nagarjunas praktischer Philosophie auf: Die teuflischen Doktrinen sind wie die obigen Teufel schon immer irgendwo vorhanden und die Menschen sind dann noch natürlich und frei von den Täuschungen. Dann kommen die Doktrinen durch Erregung und Verlust der Mitte herbei, fahren in die Menschen ein und besetzen sie von innen: Die Menschen sind dann von den teuflischen Ideen, Vorurteilen, Konzepten und Spekulationen besessen. Durch den Mittleren WEG Buddhas und durch eigenes Handeln werden diese schädlichen Doktrinen wirkungsvoll vertrieben und die Menschen können erwachen. Sie haben sich befreit und sind leer von den teuflischen täuschenden Doktrinen

In ähnlicher Weise beschreibt Nagarjuna die altindische Doktrin einer getrennten "Erregung" (Entität), die fast einer eigenen Wesenheit gleicht, und dann mit dem Menschen zusammenkommt und ihn so erfasst. Damit wird ein psychischer Prozess körperlich und sogar materiell verstanden. Daraus ergeben sich spitzfindige theoretische philosophische Fragen, ob die Erregung vor dem Menschen da war und ihn dann ergriffen hat oder ob die Erregung umgekehrt erst später hinzu gekommen ist. Wenn die Erregung nun den Menschen ergriffen hat, stellt sich weiter die Frage: Sind die Erregung und der erregte Mensch dann eine Einheit oder nicht? Das ist im Übrigen die Frage von Identität oder Verschiedenheit, die auch in der westlichen Philosophie diskutiert wird

Buddha lehrte nun im Achtfachen Pfad ganz direkt, wie wir uns selbst befreien und emanzipieren können und verzichtet auf philosophische Spitzfindigkeiten, die praktisch wenig helfen. Auch Nagarjuna macht deutlich, dass er von derartigen Wesenheiten und Verdinglichungen psychischer Prozesse wenig hält. Aus der Gehirnforschung wissen wir, dass es um Bahnungen und synaptische Spuren im neuronalen Netz und deren Veränderungen geht. Damit ist auch wissenschaftlich begründet, dass die dargestellte Philosophie von getrennten Entitäten der Erregung wenig bringt.

Die weiteren von Nagarjuna behandelten theoretischen Themen sollen hier nur aufgezählt und nicht im Einzelnen behandelt werden: Kann es überhaupt einen Erregten geben, der immer und dauernd ein Erregter ist? Es könne keine Erregung geben, wenn kein erregter Mensch existiert. Und was ist der Fall, wenn Erregung und Erregter zwar gleichzeitig aber unabhängig und getrennt von einander „aufkommen". Kann man Erregung und erregten Mensch wie "Gefährten" verstehen oder nicht?

Nagarjuna spricht die damalige buddhistische Doktrin an: Geht es um das erwünschte Ziel, dass zunächst getrennte dauerhafte Entitäten von erregtem Mensch und Erregung angenommen würden, die dann durch den Buddhismus wunderbar vereint würden.

Schließlich verallgemeinert Nagarjuna den obigen entschlackten Zusammenhang auf alle Dinge, Phänomene und Prozesse (Dharmas) dieser Welt: Es gäbe in der Wirklichkeit nicht die totale Gleichheit und nicht den totalen Unterschied. Das sei ein Problem unseres Denkens oder unserer Sprache aber nicht der unteilbaren Wirklichkeit. Dies wurde im Zen-Buddhismus später weiter pragmatisch vertieft, soll hier aber nicht weiter behandelt werde.

Zusammenfassend kann gesagt werden: Narajuna lehnt eine Doktrin metaphysischer gesonderter Entitäten für Erregung, Affekte und starke Gefühle, die getrennt von uns angeblich irgendwo existieren, und uns dann überfallartig wie eine Krake ergreifen oder uns ohne Gegenwehr überschwemmen, ab. Sie stimme mit dem authentischen Buddhismus nicht überein. Dabei möchte ich noch einmal an die mittelalterliche bildliche Darstellung der von Teufeln besessenen Menschen von Arezzo erinnern, die dann befreit werden. Es hat als Bild natürlich seine religiöse Kraft und Bedeutung und soll keineswegs herabgemindert werden.


Allerdings führt uns der buddhistische WEG der Befreiung und Emanzipation in konkreter Weise durch den Achtfachen Pfad Buddhas zum Gleichgewicht, zur Selbst-Steuerung und Selbst-Kontrolle. Er überwindet die Abhängigkeit von Erregungs-Zuständen oder explodierenden Affekten und umfasst ganz konkret: Rechte Sichtweise, rechte Rede, rechtes Handeln, rechter Lebenswandel, rechte Bemühung, rechte Achtsamkeit und rechte Sammlung (Meditation). Er kann am besten als „gemeinsames Entstehen in Wechsel-Wirkung“ verstanden und gegangen werden.

Samstag, 24. Dezember 2016

Lotos-Sutra: Alle Menschen erlangen Erleuchtung

(Aus meinem Buch: Lotos-Sutra und Zen-Perle)


Buddhas Weissagung im Lotos-Sūtra: Alle Menschen erlangen irgendwann die Erleuchtung und die buddhistische Freiheit!
Ein sehr wichtiger Teil dieses Sūtra ist die Aussage Buddhas zur Befreiung der Menschen, selbst wenn sie noch so tief in Schwierigkeiten, Unkenntnis und falschem Handeln verstrickt sind. Ein besonders eindrückliches Beispiel dafür ist Buddhas Vetter Devadatta, der nach buddhistischer Überlieferung die Sangha gespalten und Buddha verleumdet hat. Aber sogar ihm wird im Lotos-Sūtra geweissagt, dass er irgendwann ein Buddha werden wird.

Dōgens Interpretation des Lotos-Sūtra bleibt nicht dabei stehen, die schöne, aber unbewegliche Lotosblüte zu bewundern, sondern er bezieht den Buddha-Dharma ein, indem er den berühmten Satz des großen Zen-Meisters Daikan Enō (Dajian Huineng) untersucht, der erklärt, dass sich die Blume des Buddha-Dharma, die durch die Lotosblume symbolisiert wird, dreht, und dass sich genau in dieser Bewegung, Drehung und Dynamik die Gesundung der Welt und Befreiung des Menschen ereignet.

Wer dumpf und unklar ist, bemerkt diese befreiende Dynamik der sich drehenden Dharma-Blume nicht. Aber wer auf dem Buddha-Weg Freiheit und handelnde Energie erlangt hat, dreht selbst die Dharma-Blume der Wahrheit und gestaltet zugleich sich selbst zusammen mit dieser Welt.

Für mich stellt diese Aussage zur Bewegung, Dynamik und, wie es hier heißt, Drehung einen fundamentalen philosophischen Fortschritt gegenüber einem statischen Seins-Verständnis der Welt dar. Bei Buddha und dem großen indischen Philosophen Nāgārjuna findet sich dazu die tiefgründige Lehre von der Bewegung und Entwicklung: das wechsel-wirkende gemeinsame Entstehen, pratitya samutpada. Ich bin sicher, dass Dōgen mit dem Zitat des Zen-Meisters Daikan Enō genau diese zentrale Aussage des Buddhismus ansprechen wollte.

Im Zusammenhang mit der Lehre von Bewegung und Entwicklung möchte ich nun den großen buddhistischen Meister Padmasambhava, den „Lotosentstandenen“, zu Wort kommen lassen. Er wurde im 8. Jahrhundert vermutlich im Ost-Iran geboren und hat wesentlich in Tibet gewirkt (ohne Inder oder Tibeter zu sein). Für ihn sind die Schönheit, die Bewegung der Welt, das Licht und die Helligkeit von zentraler Bedeutung. Seine Texte zeichnen sich aus meiner Sicht durch tiefe Poesie und große Glaubwürdigkeit aus:

„Aus dem Zentrum des Daseins, die reine sichtbare Erscheinungsform, der dem Himmelsraum (gleichenden) wirbelnden Spiralbewegung (des Seins)
haben sich unaufhörlich schöpferische Fähigkeiten als ein strahlendes Licht manifestiert:
Die seinsmäßige Turbulenz hat sich als meine schöpferische Fähigkeit erwiesen.
Und das strahlende Licht ist die schöpferische Kraft meines Spiels (und meiner freudigen Bewegung).“
Wie der Übersetzer und Kommentator Herbert Guenther mit Peter Gäng zurecht betont, sind die Arbeiten Padmasambhavas bisher viel zu wenig beachtet worden und verdienen es, in buddhistischen Kreisen gründlich gelesen und stärker wahrgenommen zu werden.[1]





[1] Guenther, Herbert: Wirbelndes Licht, S. 47

Dienstag, 20. Dezember 2016

Mein neues Buch: Lotos-Sutra und Zen-Perle


Meister Dogens tiefe poetische Weisheit
(Yudo Seggelke)

Die Dharma-Blume des Lotos dreht die Blume der Welt und des Lebens.
Dogens Lotos-Sutra beschreibt die buddhistischen Wirklichkeit: Die tiefgründige Parabel des brennenden Hauses und den erwachten Zustand unserer wirklichen Natur.

Als Symbol für eine solche Entwicklung und Befreiung ist die Lotosblume besonders treffend. Sie lässt ihre Knospe aus dem Schlamm und dem schmutzigen Sumpf des Gewässers an die Oberfläche und zum Licht wachsen, um die Blüte dann in ihrer ganzen überwältigenden Schönheit der Sonne zu öffnen. Damit ist der Entwicklungs- und Befreiungsweg des Buddhismus präzise beschrieben.

Der zweite Teil: "Die leuchtende Perle", beschreibt Meister Gensas buddhistischen Weg, um an der Kraft und Wahrheit von Freiheit und Leichtigkeit teilzuhaben. Die Perle ist das Symbol für das befreite Leben und das Universum.

Dieser große Zen-Meister verband klares Erleben mit poetischer Kraft und Direktheit. Eine Perle rollt, bewegt sich und spiegelt dabei nicht zuletzt durch ihre eigene Schönheit die Welt in ihrer ganzen Schönheit wider. So kann auch unser Leben sein.

Im Anhang ist die neue deutsche Übersetzung der wichtigsten Zitate aus dem Lotos-Sutra abgedruckt.

Online-Kauf: z. B .:
eBook: 

Montag, 19. Dezember 2016

Entschlackung der buddhistischen Grundlagen im MMK


Für unseren buddhistischen Weg der Befreiung benötigen wir verlässliche Fakten und Grundlagen, sonst werden wir später enttäuscht und folgen irgendwelchen Versprechen, die nicht eingelöst werden. Was sind nun die verlässlichen Grundlagen? Buddha und Nagarjuna verstehen die Wirklichkeit als gemeinsames Entstehen in Wechsel-Wirkung und bauen darauf den WEG als menschlichen Prozess der Befreiung, Emanzipation und Weiterentwicklung auf. Nishijima Roshi und ich folgen ihnen dabei. Dazu gehört nicht zuletzt die Meditation des Achtfachen Pfads, zum Beispiel des Zazen nach Dogen: die Entleerung des Geistes von Verhärtungen, Vorurteilen und Doktrinen.

Im ersten Kapitel des MMK werden in einem „Rundum-Schlag“ Fehlentwicklungen, Dogmatisierungen, naiver Volks-Buddhismus, Populismus und unnötige intellektuelle Verwirrungen der damaligen Zeit konsequent angegangen und überzeugend richtig gestellt. Das ist ein radikales Vorgehen, das für mich auch in der heutigen Zeit ins „Schwarze trifft“.

Welche Eckpunkte werden behandelt?
Zunächst geht es um den falsche Glauben, dass Irgendetwas in der Welt total aus sich selbst entstanden sei, so etwas könne man in der Realität nicht erkennen. Alles entsteht in Wechsel-Wirkung und ist miteinander vernetzt; das wird auch eindeutig durch die Gehirnforschung nachgewiesen und hat weit reichende Folgen für den Buddhismus. Besonders wichtig ist dieser Fakt für die heutigen Menschen: Wer in narzisstischer Selbst-Überschätzung an sein eigenes Ich als alleinigen unwandelbaren Mittelpunkt der Welt glaubt, liegt völlig falsch. Irgendwann wird er dann vereinsamen, keine echte Freude im Leben haben und depressiv werden. Und: Der Starke ist am schwächsten allein, wenn er sich isoliert.

Und weiter. Nagarjuna nennt vier Faktoren dieser Wechsel-Wirkungen:
die Veranlassung, dass etwas Bestimmtes passiert (häufig als „Ursache“ bezeichnet);
die strukturellen Stütze z. B. die materiellen Umgebung;
die zeitliche Abfolge von Prozessen und
etwas Übergeordnetes, wie z. B. der Sinn in unserem Leben.

Weitere Faktoren gibt es nach Nagarjuna nicht. Sie sind m. E. direkt nachvollziehbar und im Einklang mit der modernen Systemtheorie. In manchen buddhistischen Linien gibt es einhundert und mehr derartige Faktoren, die dann noch weiter unterteilt werden. Davon hält der Autor also nichts. Ich folge ihm, weil das Zentrale des WEGes unsere eigene Entwicklung und Befreiung ist und keine komplizierten Schemata von statischen Bedingungen, die uns angeblich determinieren.

Durch unser eigenes Tun und Handeln, also durch unsere eigenen Kräfte, Energien und Therapien, können wir auf die genannten wechsel- wirkenden Faktoren einwirken. Wir müssen nicht alles passiv erdulden und hinnehmen, sondern können aktiv durch die von uns selbst gesteuerten Prozesse eingreifen. Dabei sind gute Lehrer besonders hilfreich, schlechte Lehrer aber sehr gefährlich, wie auch Dogen betont.

Wenn bei den Menschen überhaupt Nichts entsteht, also Statik oder Erstarrung vorherrscht, gibt es auch keine Veränderungen zum Guten. Dann verkümmert unser neuronales Netz in unserem Kopf immer mehr, und Kreativität und Freude im Leben verschwinden. Das passiert, wenn man Doktrinen einfach übernimmt und nicht hinterfragt, ganz gleich, ob sie nun als heilig verkündet werden oder nicht. Es kommt immer auf die eigene Erfahrung an.

Nagarjuna fragt, was wir in unserem Leben realistisch erreichen und erzielen wollen. Welche Ergebnisse und welches „Erzieltes“ streben wir sinnvoller Weise an und welche romantischen Utopien oder Dumpfheiten schaden uns? Buddha sagt: "Es ist sinnlos zu wünschen, was nicht wünschbar ist". Wir müssen uns davor hüten zu glauben, dass ein erwünschtes Ergebnis ohne Wechsel-Wirkung und eigenes Tun „vom Himmel fällt, so als ob es schon fertig irgendwo vorhanden gewesen wäre (Doktrin einer unveränderlichen isolierten Substanz oder Entität). Das wäre eine Ideologie von Ergebnissen ohne zeitliche Prozesse, wie ein isoliertes unveränderliches Ding und ist besonders irreführend und realitätsfremd: Es ist die verführerische Scheinwelt von Populisten. Und solche gibt es nicht nur in der Politik sondern leider auch im Buddhismus.

In der vor-buddhistischen indischen Philosophie wurde angenommen, dass die Welt aus unveränderlichen Bausteinen, den Dharmas, aufgebaut und zusammengesetzt ist. Sie wurden sogar als ewige Dinge und Phänomene bezeichnet. Nagarjuna warnt uns eindringlich davor, dass wir uns diese Bausteine als unveränderliche und unteilbare Atome und Ideen vorstellen. Denn wenn sich alles in der Welt verändert, kann es auch keine unveränderlichen materiellen und geistigen Bausteine geben. Wir wissen heute, dass auch Atome teilbar sind und sich in kleinste Prozesse von Energien umwandeln können. Die Doktrin von Geistes-Bausteinen ist völlig unhaltbar.

Diese alte vor-buddhistische Philosophie kann nämlich Wechsel-Wirkungen, Prozesse und Veränderungen der Realität nicht erklären, sie ist daher mit Buddhas Lehre und unserer Erfahrung der sich entwickelnden Veränderungen überhaupt nicht vereinbar. Solche vagen und ungesicherten Doktrinen sind für uns Menschen und unsere geistigen und psychischen Prozesse der Befreiung, Emanzipation und Entwicklung völlig unbrauchbar und eindeutig irreführend. Sie waren zu Nagarjunas Zeiten unterschwellig in neuem Gewand wieder erstarkt und sind leider auch heute z. T. zu beobachten.

Im Buddhismus geht es um positive Veränderungen, deren Ergebnisse oft als Früchte oder Verdienste bezeichnet werden. Im Volks-Buddhismus gibt es zudem den Glauben und die Hoffnung, dass diese Früchte des jetzigen Lebens einfach und unverändert durch die Wiedergeburt zum nächsten Leben weitergegeben werden. Aber so einfach ist das nicht, wie Nagarjuna nachweist. Dabei würden auch die Früchte fälschlich als isolierte Dinge (Entitäten) und ohne Wechsel-Wirkungen verstanden.

Nagarjuna destruiert einen solchen Glauben, und sei er noch so feinsinnig mit scharfsinnigen angeblich unabweisbaren Argumenten begründet. Sie sind in sich widersprüchlich und nicht haltbar. Er warnt uns eindringlich davor, irgendetwas naiv und unreflektiert zu glauben oder uns auszudenken, was wir uns zwar so sehr wünschen, das aber nicht mit der erfahrbaren Wirklichkeit übereinstimmt. Es muss zu Enttäuschungen und Stillstand führen. Wir kommen so auf dem Weg der Befreiung nicht voran:


Nicht ein fernes erträumtes Ergebnis ist der Mittlere WEG der Überwindung von Hindernissen und Blockaden (abgehobener Idealismus), sondern Befreiung durch unser klares aufrichtiges Handeln im konkreten Hier und Jetzt!

Freitag, 9. Dezember 2016

Der tradierte buddhistische WEG: Schlacke oder Leben?


Das Kapitel zum Gehen und Geher des Mittleren WEGes von Nagarjuna (MMK) ist von zentraler Bedeutung aber auch durch z. T. schwierige Deutungen geprägt. Für viele von uns dürfte dieser Text in den heute vorliegenden Fassungen schlicht unverständlich sein: Ist es nur noch die ausgebrannte intellektuelle Schlacke alter buddhistischer Kontroversen? Und wo ist der lebende Funke, der heute zu uns überspringt? Diesen Fragen möchte ich nach nunmehr 16 Jahren Arbeit am MMK nachgehen, die ich überwiegend mit meinem Lehrer Nishijima Roshi zusammen machte. Und ich möchte versuchen, die Kernpunkte dieses wichtigen und tiefgründigen Kapitels möglichst verständlich für Sie zu formulieren.

Es ist in vier Bereiche gegliedert:
Zuerst geht es um den Weg, den wir begehen: also das Begangene. Wir können es als konkreten Weg verstehen, den wir jeden Tag wo auch immer gehen. Wir können es außerdem symbolisch und gleichnishaft als buddhistischen Weg begreifen, wie Buddhas Achtfachen Pfad und den Mittleren WEG. Nagarjuna beschreibt und untersucht hier, wie und auf welche Weise solche Wege von uns tatsächlich begangen werden können und sollten und wann sie Fiktion sind.

Er sagt klar, dass wir nur in der Gegenwart wirklich gehen und der Weg wirklich begangen wird, denn in der Vergangenheit und Zukunft gibt es unser Gehen nur in unserem Gehirn als Vorstellung, Erinnerung oder Erwartung. Ein solcher gedachter buddhistischer Weg ist aber nicht die Wirklichkeit hier und jetzt als Handeln und Leben. Wenn der WEG als Doktrin verschlackt ist, kommen wir auf ihm leider überhaupt nicht voran, denn er kann nicht wirklich begangen werden! Es mag sein, dass wir aufgrund der Lehren des Befreiungs-Weges in unserem Gehirn eine feste Vorstellung von ihm haben. Und wenn wir den WEG nicht konkret begehen und erfahren, gibt es nach Nagarjuna sogar zwei begangene Wege: den wirklichen und den nur erdachten und theoretisch erlernten. Beide weichen zwangläufig voneinander ab.

Im zweiten Teil untersucht der Autor, wer eigentlich auf dem Weg geht. Er fragt uns, ob wir wirklich von einem Geher sprechen können, wenn der „Geher“ gerade steht, sitzt oder liegt. Ist er immer ein Geher bis an sein Lebensende oder vielleicht sogar ein ewiger Geher? Und war er schon immer als Wesens-Kern ein Geher, vielleicht sogar bevor er laufen lernte? Das wäre allerdings weltfremde Metaphysik. Und weiter: Wenn ein Lügner nicht lügt, ist er dann auch ein Lügner? Buddha beschreibt einen furchtbaren Mörder, der dann in die Sangha eintrat und Erleuchtung erlangte. War er dann noch ein Mörder oder viel mehr ein Erleuchteter oder sogar beides? Und wenn er wieder aus der Erleuchtung zurückfällt, ist er dann immer noch ein Erleuchteter?

Wir sehen an diesen Beispielen, dass die Sprache und ungenaue Doktrinen oft falsche Fakten behaupten und unsere Veränderungen und Emanzipations-Prozesse ungenau oder sogar fehlerhaft beschreiben. Das Gegenteil gilt für den Augenblick der Gegenwart mit unseren vernetzten Lebens-Prozessen. Beim buddhistischen Weg geht es gerade um den Prozess der Überwindung des Leidens durch das von uns selbst gesteuerte Training von Körper und Geist: Das sind vernetzte Wechsel-Wirkungen und keine Fiktionen.

Nagarjuna beweist in logischer Präzision, dass es durch ein erstarrtes buddhistischen Denken und Reden beim Gehen zwei Geher geben müsste, einen wirklichen und einen in unserem Gehirn vorgestellten. Es müsste daher zusammen mit den obigen beiden Gehern des begangenem Weges sogar insgesamt drei Geher geben, zwei fiktive und doktrinär erdachte und einen wirklichen. Aber das ist natürlich totaler Unsinn. Denn die Wirklichkeit des gehenden Menschen ist nicht mehrfach dualistisch gespalten, sondern eine Ganzheit: Ein Mensch geht auf dem Weg.

Im dritten Teil beweist der Autor scharfsinnig, dass es beim Gehen auf einem Weg keinen Anfang und kein Ende geben müsste, wenn man den lebenden vernetzten Prozess des gehenden Menschen nicht ganzheitlich versteht und sich an Worte, Theorien und Logiken klammert. Dann wären Weg und Gehen dauerhafte unveränderlich Entitäten oder Substanzen eben ohne Anfang und Ende. Das ist natürlich falsch, da alles in unserer Welt letztlich veränderlich ist, wenn wir die Wirklichkeit unverstellt und direkt erfahren und beobachten. Wenn also ein Mensch selbstverständlich und weitgehend automatisch schlendert, wandert oder eilt, und wir sehen, wann er beginnt und wann er aufhört zu gehen. Aber wie viele Menschen gehen wirklich achtsam und locker und sind nicht durch Gedanken, Grübeln und Gefühle irgendwo weit weg vom Hier und Jetzt? Wir können auch achtsam-entspannt gehen und kommen so zur Ruhe. In der modernen hektischen Welt finden wir nicht viele solcher Menschen, die ihre Mitte verwirklicht haben, was eigentlich gar nicht so schwierig ist. Am besten also: Ruhe in der Bewegung und Bewegung in der Ruhe.

Im vierten Teil geht es um den gesamten Zusammenhang vom begangenen Weg, dem Gehen als Handeln und dem gehenden Menschen. Wenn wir dabei ein nur gedachtes Weltbild von verschlackten buddhistischen Doktrinen haben, kommen wir unweigerlich in die Sackgasse: Das ist nicht der buddhistische Weg der Befreiung, Kreativität und Lebensfreude im Augenblick. Nagarjuna stellt schlicht fest: So können wir keinen Gang, keinen begangenen Weg und keinen Geher finden. Das klingt paradox, ist es aber nicht: Er meint die unwirkliche Welt der Einbildungen, Theorien und Doktrinen in unseren isolierten Gehirnen. Man kann sich viele unwirkliche Schein-Welten ausdenken und an sie glauben.

Buddha und Nagarjuna verstehen die Wirklichkeit der Welt daher als „gemeinsames wechsel-wirkendes Entstehen“ ohne Extreme, ein Entstehen, das von uns selbst beeinflussbar und steuerbar ist. Wenn wir den buddhistischen WEG so verstehen und praktizieren, kann man zwischen dem Passiv des begangenen Weges und dem Aktiv des gehenden Menschen nicht mehr sinnvoll unterscheiden, wie es uns Sprache und Meinungen vielleicht suggerieren. Das direkte Handeln übersteigt die Theorie, die Sprache, sowie Aktiv und Passiv. Es kommt genau auf den Augenblick unseres achtsamen unverstellten Handelns an. Eine solche Wirklichkeit ist eine lebendige Ganzheit auf dem Achtfachen Pfad und dem Mittleren WEG.

Und wenn wir dies ungeteilt und ohne Ablenkung erfahren, erfüllt es uns mit Freude, Klarheit und befreit uns vom Stress. Diese Tatsache hat auch die heutige Gehirnforschung eindeutig nachgewiesen. Buddha, Nagarjuna und Zen-Meister Dôgen wussten es schon deutlich früher.