Montag, 5. Dezember 2011

Die Augenblicke kommen und gehen

Dōgen erklärt, wie die Wirklichkeit der vergangenen Augenblicke in die jetzige Gegenwart hineinreicht:

„Wie könnte jene Zeit des Ersteigens des Berges und Überqueren des Flusses etwas anderes sein, als genau die Sein-Zeit zu verschlucken und (wieder) auszuspeien, (jetzt da wir) im Juwelen-Palast mit schönen purpurnen Türmen (sind)?“

Das klingt in unseren Ohren recht fremdartig. Was ist damit gemeint? Aus meiner Sicht geht es hier um die Sein-Zeit der jeweiligen Augenblicke, in welcher von uns der Berg erstiegen und der Fluss überquert wurde. Auch damals war es die Sein-Zeit, die identisch mit der Wirklichkeit war. Das heißt, die beiden Handlungen – Ersteigen und Überqueren – vollzogen sich im Gleichgewicht des Augenblicks und damit in der Wirklichkeit.

Die einzelnen Augenblicke werden in der Sprache Dōgens „verschluckt“ und sofort wieder „ausgespien“ – eine sehr drastische Ausdrucksweise. Damit ist die Abfolge der einzelnen Augenblicke gemeint, die kommen und gehen. Der Juwelen-Palast mit purpurnen Türmen ist Symbol für einen sehr schönen und angenehmen Aufenthaltsort, der einen Gegensatz zur damaligen Mühsal der Überquerung von Bergen und Flüssen bildet. Diese Mühsal können wir auch als Übungspraxis deuten, aber auch die Praxis findet in der Sein-Zeit statt, ganz in der Gegenwart. Die Augenblicke der Praxis haben eigene große Bedeutung.

Der früher erwähnte goldener Buddha steht symbolisch für die Wirklichkeit des umfassenden Buddha-Dharma, die ebenfalls im Jetzt der Gegenwart wirklich und daher strahlend und golden ist.

„Genauso bezieht sich das buddhistische Grundprinzip von gestern und heute genau auf Augenblicke, in denen wir direkt in die Berge gehen und über Tausende oder Zehntausende Gipfel hinwegschauen. Es bezieht sich nicht darauf, was (in unserem Denken scheinbar) vergangen ist.“

Indem Dōgen die vielen Berggipfel erwähnt, stellt er einen sehr konkreten Bezug zum Beobachten und Erfahren im Gebirge her. Dafür müssen wir aufmachen, die Berge im Augenblick in uns hineinehmen. Eine solche Augenblicklichkeit der Wirklichkeit umfasst das Heute genauso wie das Gestern.

Wir sollten uns daher immer bewusst sein, dass eine nur abstrakte Erinnerung an vergangene Gegenstände oder Vorgänge ungenau ist. Wir sollten alles so erfahren, wie es sich zu dem damaligen Zeitpunkt als Sein-Zeit wirklich ereignete. Das Gleiche gilt für die früher erwähnte Statue des Tempelwächters mit drei Köpfen und acht Armen, die augenblicklich als meine Sein-Zeit erfahren wird, also von dieser jetzigen Sein-Zeit nicht getrennt werden kann. Der Tempelwächter ist dann und nur dann Wirklichkeit und nicht nur äußere rituelle Form.

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