Mittwoch, 14. Dezember 2011

Die Flucht aus der Zeit ist unmöglich




Das wesentliche Sein in unserem Leben besteht erfahrungsgemäß aus den zentralen Augenblicken und nicht aus Zeitstrecken, welche die Grundlage der üblichen linearen Zeitvorstellung bilden. Zeitstrecken und Termine sind organisatorische Randbedingungen unseres Lebens, nichts mehr und nichts weniger! Das Wesentliche findet innerhalb der Zeitstrecke statt.


Wir neigen dazu, vergangene Erfahrungen aus der zeitlichen Distanz her verkürzt zu erinnern und zu kommunizieren, gewissermaßen abgetrennt und wie ein fernes Objekt. Das ist jedoch ungenau und entspricht nicht der Wirklichkeit, die in den damaligen Augenblicken tatsächlich existierte. Das sollten wir nicht vergessen, sonst geht uns viel von dem damaligen wahren Sein verloren.


Als Nächstes spricht Dōgen das Fortschreiten der Zeit an:
„(Da die Zeit) so ist, sind Pinien die Zeit und Bambusse sind die Zeit. Wir sollten dies nicht nur so verstehen, dass die Zeit enteilt. Wir sollten nicht lernen, dass ‚enteilen‘ die einzige Eigenschaft und Fähigkeit der Zeit ist.“

In unserer gewöhnlichen Vorstellung haben wir den Eindruck, als ob die Zeit enteilt und flieht, und oft beunruhigt uns

das. Gute Momente wollen wir gern festhalten und wir haben manchmal Angst vor Veränderungen, die uns vielleicht in Gefahr bringen könnten.

Viele Menschen leben dauernd in Hast und unter Zeitdruck. Sie empfinden dies als Stress, dem sie eigentlich entkommen möchten. Sie träumen vielleicht davon, dass die Zeit gerade nicht unerbittlich voranschreitet und sie atemlos hinterherhetzen müssen. Sie wollen sogar der Zeit entfliehen. Aber das geht nicht und wäre auch fatal. In der Wirklichkeit haben die Augenblicke der Zeit ihre Ruhe und ihr Gleichgewicht, denn die Hetze – insbesondere der heutigen Industrie- und Konsumgesellschaft – ist meist unnötig und verhindert gerade das wirkliche Erleben. Zeithetze ist ist der Feind der Spiritualität.

Besonders Shunryu Suzuki rät uns, der Zeit in stabiler Gelassenheit zu begegnen und unsere Zentrierung nicht zu verlieren: Das ist der Mittlere Weg, bei dem jeder Augenblick aus der Leerheit neu und frisch entsteht, ja neu geboren wird. Das gibt Lebensfreude und Lebenskraft. Dann drehen wir nach Dōgen selbst die Blume des Dharma und werden nicht von der Umgebung und der Welt gedreht.


„Wenn wir genau die Zeit verlassen, um zu entfliehen, müssten (in der Zeit) einige Lücken erscheinen.“
Mit diesem kurzen Satz argumentiert Dōgen auf der logischen Ebene der Vernunft, indem er uns vor Augen führt, was passieren würde, wenn wir der Zeit wirklich entfliehen könnten. Wenn dies gelänge, wären wir tatsächlich von der Zeit getrennt, weil wir ihr ja gerade „erfolgreich“ entkommen wären.


Damit würden ein Abstand und eine Lücke zwischen den Zeitabschnitten und zwischen uns und der Zeit entstehen, wir würden gewissermaßen ohne Zeit existieren. Dann würden wir aber in den Lücken überhaupt nicht existieren. Da dies aber unmöglich ist, ist auch eine solche Flucht aus der Zeit schon logisch unmöglich. Die Flucht aus der Zeit ist eine Illusion. Aber warum überhaupt die Hetzte und Flucht? Ist das nicht ganz überflüssig? Ich glaube ja, und das Leben wird dann viel einfacher und effizienter. Die Zazen-Praxis ist dafür eine einzigartige Methode.

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