Montag, 23. April 2012

Kernaussagen der Sein-Zeit

Die Kernaussage von Dôgens Shôbôgenzô zur Sein-Zeit lautet, dass unser Leben und Handeln, ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht, niemals und auf keinen Fall von der Zeit und dem Augenblick getrennt werden können. Immer wenn wir dies vergessen, verlieren wir unwiederbringlich wertvolle Augenblicke unseres Lebens.

In verschiedenen Varianten erklärt Dōgen, dass das Sein aller Menschen, aller Lebewesen und überhaupt aller Dinge und Phänomene des Universums mit der wirklichen Zeit unauflösbar zu einer Einheit verschmolzen ist. Es gibt also kein Erleben, kein Handeln und nichts anderes außerhalb der Zeit, wenn wir von der Wirklichkeit und Wahrheit des Lebens und der Welt ausgehen und diese in den Mittelpunkt der Erfahrung und des Denkens stellen.

Das unmittelbare, volle Erleben und Handeln geschieht nur in der Gegenwart, also im Hier und Jetzt. Demgegenüber sind, wie Nishijima eindrucksvoll betont, die Vergangenheit und Zukunft nur Erinnerungen, Erwartungen, Vorstellungen, Gedanken, Bilder, Hoffnungen und oft auch Rückblicke im Zorn, Rachegelüste oder Ängste und Panikattacken im Hinblick auf die Zukunft. All diese Vorstellungen und Gefühle sind aber nicht die Wirklichkeit selbst, sondern höchstens eine psychische „Wirklichkeit“, an der wir leiden. Sie sind sozusagen das Wetterleuchten in unserem denkenden Geist und unseren Emotionen, aber nicht das Wetter selbst; sie „zeigen auf den Mond“, sind aber nicht der Mond.

Wie erklärt und begründet Dōgen nun diese zunächst eigenartig klingenden Aussagen zur Sein-Zeit? Welche praktische Bedeutung hat eine solche Erkenntnis für unser eigenes Leben und Handeln mit all den Mühen, aber auch den Augenblicken der Freude?

Wenn wir es mit der Wirklichkeit und Wahrheit des Lebens und der Welt ernst meinen und uns nicht in Gedanken, Spekulationen, Hoffnungen und Ängsten verlieren, findet diese Wirklichkeit nur in der Gegenwart statt. Wie Nishijima feststellt, ist Buddhismus die Lehre und Praxis der Wirklichkeit, also des umfassenden Realismus, und unauflösbar mit dem Handeln und mit der Zeit als Gegenwart verbunden. Jede Flucht aus der Wirklichkeit führt letztlich zu psychischem Leiden und Verdrängungen, die zwar kurzfristig ein Überleben ermöglichen können, aber langfristig kleine und große psychische Schäden anrichten. Dies erschwert dann die Bewältigung des Alltags oder schließt sie sogar aus; auf jeden Fall erleichtert eine solche Flucht aus der Wirklichkeit niemals unser Leben, wie wir vielleicht meinen, sondern ist die Täuschung, von der im Buddhismus so häufig gesprochen wird.

Kommentare:

Peter Myoku hat gesagt…
Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.
Peter Myoku hat gesagt…

Danke Yudo,
Uji inspiriert mich immer wieder. "...das Wetterleuchten in unserem denkenden Geist" finde ich eine wunderbare, treffende Analogie. Bei mir leuchten vor allem immer die kommenden Wetterfronten in Form von "Was ist als nächstes zu tun" und "Wie erledige ich das und das".
Gassho und Danke nochmals,
Peter Myoku
(Erster Kommentar wegen Schreibfehler gelöscht)