Dienstag, 10. Juli 2012

Die Fesseln des Geistes sind wie Schlingpflanzen




Die Fesseln der falschen Ideen und Vorstellungen des Geistes wurden im alten China mit den Schlingpflanzen verglichen, die sich um einen Baum ranken und ihn einschnüren. Erst wenn man die Axt an den Baum legt und ihn zu Fall bringt, sterben auch die Schlingpflanzen ab; in vergleichbarer Weise können wir Menschen uns von unseren Fesseln – den endlosen Gedankenketten – befreien. Aber wir sollten „den Baum fällen“, der die Schlingpflanzen stützt und sie erst ermöglicht. Der Baum entspricht der falsche unklare Lebensweise und Lebensideologie. Er ist die Stütze der Schlingen, die uns einengen oder sogar erwürgen!

Wenn die ignorante Sichtweise und die darauf gründende Lebensphilosophie wie ein Baum gefällt werden, vertrocknen die Fesseln, die uns von der Freiheit ferngehalten haben. Ohne das reine Handeln bleiben wir jedoch in falschen Vorstellungen und im ideologischen Denken gefangen. Und obgleich wir uns mit aller Kraft gedanklich bemühen, können wir diesen dunklen „Höhlen“ nicht entkommen, die außerhalb der buddhistischen Lehre liegen.

Nach Dōgen kann eine solche unklare Ideologie „weder die Krankheit des Dharma-Körpers noch die Entbehrung des Freuden-Körpers erkennen.“ Aufgrund solcher „Denknester“ und „Denkhöhlen“ leiden und verkümmern wir spirituell und entbehren sogar die wirklichen körperlichen Freuden. Wenn der Materialismus also körperliche Genüsse verspricht, das auf Vorteilsdenken beruht, kann die Erwartung des „wunderbaren Genusses“ niemals eingelöst werden. Die angekündigten sinnlichen Freuden geben uns dann nicht einmal eine schale körperliche Befriedigung.
Wir müssen deshalb zum reinen klaren Handeln zurückkommen und uns von den gedanklichen Schlingpflanzen befreien.

Sogar unter den Theoretikern, also den Lehrern der Sūtras und Kommentare, und anderen Menschen, die den Buddha-Dharma nur von Weitem kennen, ist bekannt, dass eindimensionale Ignoranz unzureichend ist, um die wahre Dharma-Natur zu erkennen.

Allerdings sind sich diese Theoretiker nicht bewusst, dass schon ihr theoretischer Begriff „Dharma-Natur“ eine Fessel darstellt, welche die Sicht der vielfältigen Dharma-Natur gewaltig einengt. Genau durch diese Fixierung auf die Vorstellung und den Begriff erzeugen sie genau ihre eingeengte Sichtweise, ohne sich jedoch darüber im Klaren zu sein. Wenn sich ein solcher Theoretiker bewusst wäre, dass er gerade durch seiner eingeengten Sichtweise in Wirklichkeit ganz unwissend ist, könnte diese Erkenntnis vielleicht zu einem fruchtbaren Samen „für das Erwecken des Bodhi-Geistes (des Erwachens)“ werden. Er müsste sich also seiner eigenen Unwissenheit bewusst werden, sonst hat er keine Chance.

Ein handelnder Buddha wurde niemals durch theoretische Vorstellungen und die eigene Unwissenheit gefesselt und eingeengt. Er handelt fortwährend und ist nicht auf einen einzigen Zustand im Bewusstsein fixiert:
 „Die Lebenszeit, die ich durch meine ursprüngliche Praxis des Bodhisattva-Weges verwirklicht habe, ist auch jetzt nicht ausgeschöpft, sondern wird noch zweimal so lang sein wie die vorherige Anzahl (von Zeitaltern).“

Dieses Zitat aus dem Lotos-Sūtra sagt nicht mehr oder weniger, als dass Buddha immer weiter handeln wird, obgleich er nach der Vollendung des Bodhisattva-Weges das große Erwachen eines Buddhas erfahren hat. Dabei darf die Lebenszeit eines Bodhisattva nicht als Zeitstrecke verstanden werden, denn es geht nicht um die lineare Zeit, die von der Vergangenheit in die Zukunft reicht, sondern entscheidend ist jeder existenzielle Augenblick des Handelns genau in der jeweiligen Gegenwart. 

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