Montag, 19. November 2012

Grundsätzliche Überlegungen zum Handeln




Dōgen fordert dazu auf, uns beim Handeln über die folgenden Fragen Gedanken zu machen:

„Was ist Leben und was ist Tod? Was sind Körper und Geist? Was sind Geben und Nehmen? Was bedeutet, (etwas) sich selbst zu überlassen oder sich (dem) entgegenzustellen. Sind (diese Überlegungen) ein Verlassen oder Eintreten durch ein gewöhnliches Tor, ohne dass sich irgendein Treffen ereignet?“

Dōgen hat hier aber keine rein philosophischen Fragen und Antworten im Sinn, sondern diese Überlegungen beziehen sich auf das wahre und reine Handeln. Man könnte es etwa so formulieren: Was bedeutet Leben und was bedeutet Tod für das Handeln eines Erwachten und was war es für die alten Meister in Indien und China?


Leider glauben einige Zen-Buddhisten, jede Fragestellung und jede Überlegung sei auf dem Buddha-Weg überflüssig oder sogar gefährlich. In manchen buddhistischen Gruppen ist es weitgehend unüblich, überhaupt Fragen zu stellen, Alternativen zu überlegen und mit der Vernunft in den Buddha-Dharma einzudringen. Mit den oben zitierten Grundsatzfragen zum Leben und zum Tod, zum Körper und zum Geist erteilt Dōgen einer solchen Haltung eine gründliche Absage. Alle wichtigen Begriffe im Zusammenhang mit dem Handeln sollen hinterfragt werden: zum Beispiel Geben, Nehmen und Verlassen. Das trägt dazu bei, dass wir zum Kern des wahren Handelns und des wahren Buddhismus vordringen und es vor allem auch realisieren können.

Das Symbol des Tores wird im Zen-Buddhismus häufig dafür verwendet, dass man zur Befreiung und zum Erwachen kommt. Aber auch dies sind zunächst nur Vorstellungen und Begriffe, die erst mit Handeln und Leben erfüllt werden müssen. Theorie und Praxis, Handeln und Ergebnis fallen im Augenblick der Wirklichkeit zusammen und werden existenziell als Einheit erfahren.

Dōgen behandelt viele Bereiche der buddhistischen Lehre mit den jeweils damit verbundenen Begriffen. Dabei geht es immer darum, die Ebene der Begriffe zu verlassen und zum wahren Handeln vorzustoßen.

Als Nächstes fragt er, ob auf tiefschürfendes Denken schließlich Verstehen folgt und ob wir durch Denken Reife erlangen, was dann Wissen zur Folge hat. Zweifellos war Dōgen ein Mensch mit extrem hoher Intelligenz und genialen geistigen Potenzialen. Wir wissen, dass er in jungen Jahren in kurzer Zeit die buddhistische Lehre – vor allem auf der Grundlage des Lotos-Sūtra – aufarbeitete und dass er kaum intellektuelle Grenzen bei seiner philosophischen Arbeit erfahren hat. Wir wissen auch, dass ihn eine ungewöhnliche Ehrlichkeit und Klarheit sich selbst gegenüber auszeichnete. Deshalb war er vor seiner Chinareise auch überzeugt davon, die von ihm angestrebte Erleuchtung noch nicht erlangt zu haben.

Erst bei seinem chinesischen Meister Tendō Nyojō fand er die umfassende Einheit von Theorie, praktischem Handeln und Ethik, verbunden mit der Praxis des Zazen, sodass die bis dahin unüberwindbaren Hürden in seiner eigenen Entwicklung verschwanden. Wenn er gerade beim wahren Handeln zentrale Fragen an die Vernunft stellt, wird klar, dass wir geistige Tätigkeiten auf keinen Fall gering schätzen dürfen, sondern im Gegenteil die durch die Praxis sich ergebende Klarheit auch im Denken und intuitiven Verstehen realisieren sollen.
Dōgen bittet, unsere Untersuchungen ganz konkret im Einzelnen durchzuführen und uns dabei nicht in weitschweifigen Abstraktionen zu verlieren.

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