Sonntag, 1. Dezember 2013

Geist, Körper und Universum sind eine leuchtende Perle


Nachdem Dōgen im Jahre 1233 den Buddhismus und das buddhistische Leben sehr präzise dargestellt hatte, vergingen einige Jahre, bis er 1238 den Text „Das ganze Universum ist eine leuchtende Perle“ verfasste, das vierte Kapitel im Shōbōgenzō. Das japanische Wort ikka bedeutet „eins“, myō heißt „leuchtend“, „klar“, „strahlend“, und ju ist im Deutschen die „Perle“. 

Dieses Kapitel behandelt die berühmten Worte des großen Meisters Gensa, der immer wieder lehrte, dass das ganze Universum in allen Richtungen wie eine leuchtende, strahlende Perle ist. Nishijima Roshi erklärt, dass Dōgen diese Aussage sehr schätzte. Das ist eine ganz andere Erfahrung des Lebens und der Welt, als der heutige oft negative oder sogar nihilistische Zeitgeist!

Im Buddhismus wird großen Wert darauf gelegt, dass man Theorie und Lehre sowie Vorstellungen und Ideen nicht mit der Wirklichkeit und Wahrheit selbst verwechselt. Um das zu verdeutlichen, wird häufig das folgende Gleichnis verwendet: Wenn der Finger auf den Mond zeigt, darf man niemals den Finger mit dem Mond verwechseln. Dieser ist zum Beispiel in seiner Rundheit das Symbol für ein erfülltes Leben, das wir heute als den Zustand der Erleuchtung bezeichnen.

Die Lehre und Theorie, sei es schriftlich oder mündlich im Vortrag, verweisen auf diese buddhistische Wahrheit der Erleuchtung wie der Finger auf den Mond. Aber die Wirklichkeit des Mondes ist unabhängig von dem Finger und existiert auch, wenn der Finger nicht auf ihn zeigt. So können die buddhistische Lehre, buddhistische Bilder oder Figuren von Gautama Buddha auf die Wirklichkeit und Wahrheit hinweisen, aber sie können die Realität nicht ersetzen. Diese können wir nur selbst erfahren.
In der westlichen Philosophie und auch Theologie fehlt aus meiner Sicht häufig diese wichtige Unterscheidung, weil zwischen Ideen, Fantasien, Hoffnungen, Glauben und Ängsten einerseits und der Wirklichkeit selbst andererseits zu wenig oder überhaupt nicht getrennt wird. Das führt zwangsläufig zu Unsicherheiten im Leben und macht die Menschen für falsche Ideen und gefährliche Ideologien anfällig.

Gensa war einer der profiliertesten Zen-Meister und hat auf diesen Unterschied zwischen Theorie und Wirklichkeit sehr deutlich hingewiesen. Dass er die Welt und die Menschen mit einer leuchtenden Perle gleichsetzt, zeigt seine positive Weltsicht und seine Freude an der Schönheit der Natur. Ich kann mir kaum ein aussagekräftigeres und schöneres Symbol für die Welt, unseren Körper und Geist vorstellen als eine leuchtende Perle.

Gensa betont, dass der Geist nicht isoliert vom Körper und der Wirklichkeit existiert, sondern immer eine Einheit mit ihnen bildet. Eine leuchtende Perle wäre auch in der Tat ungeeignet als Symbol für einen abstrakten, weltabgewandten Geist oder Weltgeist. Hegel, der Philosoph des deutschen Idealismus, kam sicher nicht auf die Idee, den von ihm gelehrten Weltgeist als Perle zu bezeichnen. Auch bei ihm vermisse ich die klare Unterscheidung zwischen Wirklichkeit und Worten und Gedanken.

Es ist historisch überliefert, dass Meister Gensa zunächst dem bürgerlichen Beruf eines Fischers nachging und in seinem Boot auf dem Nantai-Fluss fischte. Wir können davon ausgehen, dass er sich dabei hin und wieder auf dem großen Strom einfach treiben ließ und sich an der großartigen Natur erfreute. Im Alter von 30 Jahren fasste er den Entschluss, sein Leben radikal zu verändern. Er verließ die anderen Fischer und den Fluss und ging in die Berge, um einen buddhistischen Meister zu suchen. Davor hatte er kein Sūtra gelesen und keine Lehrrede eines Buddhisten gehört.

Ich vermute, dass ihm in der Mitte seines Lebens, denn damals war die Lebenserwartung sehr viel geringer als heute, plötzlich bewusst wurde, dass sein bisheriges Leben mit all seinen Unwägbarkeiten, Unsicherheiten und Bedrohungen wenig sinnvoll war. Er hatte bis dahin die Klarheit der Wirklichkeit und Wahrheit nicht erfahren. Ich kann mir vorstellen, dass er auch Fische nicht mehr mit seinem Netz einfangen und töten wollte.

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