Samstag, 27. Dezember 2014

Außerhalb des umfassenden Geistes gibt es nichts


Dōgen zitiert Shākyamuni Buddha nach einem Werk Nāgārjunas[i]:
„Die dreifache Welt ist nur der eine Geist,
es gibt nichts anderes außerhalb des Geistes.
Der Geist, Buddha und die Lebewesen –
diese drei sind ohne Unterschied.“

Wie mehrfach im Shōbōgenzō ausgeführt, darf man auch hier den Geist auf keinen Fall im Sinne der europäischen Philosophie oder der Umgangssprache als etwas Immaterielles im Gegensatz zum Körper und zu Emotionen verstehen. Denn dann wäre der Geist nur eingeengt auf das serielle Denken und das Bewusstsein oder vielleicht sogar identisch mit einem gedachten „absoluten Weltgeist“ wie bei Hegel.[ii]

Eine solche Trennung von Geist und Körper führt aus der Sicht des Buddhismus vollständig in die Sackgasse. Wenn das Gleichgewicht oder die Erleuchtung wirksam ist, eröffnet sich uns die Einheit der sogenannten dreifachen Welt, also des Lebens und Universums, und genau dies ist der hier angesprochene buddhistische Geist. Dōgen ergänzt:

„Dieses (Gedicht Buddhas) ist die ganze Anstrengung (seiner) ganzen Lebenszeit. Die ganze Anstrengung seiner Lebenszeit ist die vollständige Ganzheit seiner totalen Anstrengung. Während es bewusstes Handeln ist, mag es auch Handeln im natürlichen Strom von Sprache und Handeln sein.“

Dōgen geht hier auf das Erwachen ein und spricht von der ganzen Anstrengung oder Praxis Gautama Buddhas während seiner Lebenszeit: Erwachen gibt es nicht zum Nulltarif oder im Schnellverfahren von geschickten aber unseriösen Geschäftmachern.

Dōgen stellt die Verbindung zum Handeln her, das er einerseits als bewusst charakterisiert und andererseits als natürlichen Strom von Rede und Handeln. Gautama Buddha hat die umfassende Ganzheit von Geist und Lebewesen durch sein Handeln verwirklicht, zum Beispiel indem er den Menschen direkt und praktisch mit seinen tiefgründigen und umfassenden Dharma-Reden bei ihren Lebensproblemen geholfen hat.

In diesen Reden verwendete er häufig Gleichnisse aus dem Alltag der Menschen. Wie Nishijima Roshi betont, ist das Handeln maßgeblich für die Verwirklichung des menschlichen Lebens und der Welt, und damit ist es unauflösbar mit dem buddhistischen Geist verbunden. Dies ist ein grundsätzlicher Unterschied zum philosophischen Denken des Westens, in dem der Geist mit dem Handeln kaum in Verbindung gebracht oder oft sogar im Gegensatz dazu gesehen wird.

Wichtig ist auch die Feststellung, dass das bewusste Handeln ein natürlicher Strom ist, also nichts Ausgedachtes oder Künstliches, das beispielsweise nur durch Glauben oder Illusionen verursacht ist und der Wirklichkeit demnach nicht entspricht.

Dass sich Dōgen bei diesen Aussagen auf den indischen Meister Nāgārjuna bezieht, untermauert das Argument, dass dieser kein Nihilist ist. Das zeigt sich auch in Nāgārjunas Girlanden-Sūtra, das ganz praktische Ratschläge für das Leben hier und jetzt enthält.

„Deshalb sind die jetzt gesprochenen Worte des Tathāgata, dass die dreifache Welt nur der eine (umfassende) Geist ist, die ganze Verwirklichung des ganzen Tathāgata; und sein ganzes Leben ist das Ganze dieses einen Gesagten.“

Die dreifache Welt ist genau so, wie sie ist, die ganze Wirklichkeit und Wahrheit. Dōgen führt aus, dass es außerhalb dieses Geistes, der mit der dreifachen Welt identisch ist, nichts anderes gibt und geben kann: nämlich Ideologien Fantasien und Täuschungen. Es geht ihm besonders um die Lebensdimension der Dinge, der Vielfalt in der Welt und der Materie. Nach Nishijima Roshi ist unsere Wahrnehmung mit dieser zweiten Lebensphilosophie der Formen und der Materie unauflösbar verbunden.






[i] Dieses Zitat ist aus dem Girlanden-Sūtra von Meister Nâgârjuna übernommen. In diesem Sūtra gibt der Meister Ratschläge für das praktische Leben nach dem Buddha-Dharma; es entstand vermutlich im zweiten Jahrhundert.
[ii] Hügli, Anton; Lübcke, Poul (Hrsg.): Philosophie-Lexikon. Personen und Begriffe der abendländischen Philosophie von der Antike bis zur Gegenwart, S. 232 ff.

Donnerstag, 18. Dezember 2014

Wir Menschen sind eine Einheit mit dem Geist und mit Buddha


Eine negative oder gar zynische ´idealistische´ Weltanschauung ist nicht mehr weit vom Nihilismus entfernt, der grundsätzlich abstreitet, dass es überhaupt irgendetwas Wirkliches und irgendeine Erkenntnis geben kann. Ethischer Zynismus verbunden mit dem heutigen Materialismus ist sicher ein großes Problem der jetzigen westlichen Welt.

Zurück zur Leerheit: Es mag auch nicht verwundern, dass der große indische Meister Nāgārjuna in früheren westlichen Interpretationen des Buddhismus dem Nihilismus zugerechnet wurde. Die gegenwärtigen Buddhologen distanzieren sich davon jedoch grundsätzlich, und Nishijima Roshi, der die neue Übersetzung von Nāgārjunas grundlegendem Werk zum Mittleren Weg (MMK) erarbeitet hat, hält eine solche Zuordnung für völlig absurd.[i] Nāgārjuna selbst sagte:

„Wer Weisheit hat, kennt die Natur der Wirklichkeit“, und wir sollen „Anschauungen aufgeben, welche die Wirklichkeit für nicht existent erklären.“ Weiter:
„Dies sind die zehn leuchtenden Pfade des Handelns.“

Wie man angesichts dieser Aussagen weiterhin behaupten kann, Nāgārjuna sei ein Nihilist, kann ich nun wirklich nicht nachvollziehen.

Im MMK beschreibt Nāgārjuna die dreifache Welt, die identisch ist mit dem Geist, als einzig mögliche Welt und als einzig möglichen Geist. Danach gibt es nichts außerhalb dieses Geistes. Auch dadurch wird deutlich, dass es sich nicht um den isolierten Geist im Sinne der europäischen Philosophie handelt, denn dieser steht ja gerade dem Körper und dem Materiellen fremd gegenüber. Außerdem wird klar, dass dieser umfassende Geist identisch mit Buddha, der Wahrheit und den Lebewesen ist. Diese drei bilden daher ebenfalls eine Einheit.

Wir kommen damit zu dem Schluss, dass die Bereiche des Denkens, des Materiellen und Fühlens sowie des Handelns eine Einheit mit dem Geist, Buddha und den Lebewesen bilden. Das heißt, die Menschen sind ursprünglich eine Einheit mit dem Geist und mit Buddha. Das ist eine fundamentale Aussage von weitreichender Bedeutung, die zum Beispiel beinhaltet, dass das Denken nicht abgespalten werden darf von dem umfassenden Geist und Buddha. Das Erwachen ist damit nicht zuletzt die Verwirklichung dieser Einheit und die Anerkennung der grundsätzlichen Realität der Welt. Außerhalb dieser Einheit gibt es laut Nāgārjuna und Dōgen überhaupt nichts.

Dōgens Lehre, dass auch die Welt der Formen – und damit des Materiellen – zum Geist des Buddha-Dharma gehört, mag für uns Menschen im Westen ein überraschendes Verständnis sein. Unsere Vorstellungen vom Universum, also von der sichtbaren und unsichtbaren Materie im Weltraum, konzentrieren sich meistens auf das Materielle.

Aber selbst für die naturwissenschaftlich klar nachgewiesene Energie, die nach heutiger Kenntnis etwa Dreiviertel des Universums ausmacht, ist der Begriff der Materie nicht mehr korrekt, weil Energie sich grundsätzlich in Materie umwandeln kann und umgekehrt. Das heißt aber nichts anderes, als dass unsere üblichen Vorstellungen von festen materiellen Dingen, aus denen die Welt angeblich besteht, nur von sehr begrenzter Aussagekraft und eingeschränktem Wahrheitsgehalt sind.

In ähnlicher Weise entfällt auch die Bedeutung der unteilbaren kleinsten Atome oder der Elementarteilchen als Grundbausteine der Welt, obgleich diese Vorstellungen im sogenannten gesunden Menschenverstand immer noch tief verankert sind und fast selbstverständlich erscheinen. Dōgens Ansatz reicht jedoch weit darüber hinaus: Ihm geht es um die Einheit von Ideen, Materie und Handeln, und diese dreifache Identität versteht er als Geist!




[i] Nagarjuna: Fundamental Wisdom of the Middle Way. Nagarjuna’s Mulamadhyamakakarika (MMK), Commentary by Gudo Wafu Nishijima and Brad Warner, Kap. 1, Vers 2, S. 5 f.

Sonntag, 7. Dezember 2014

Die dreifache Welt der Ideen, der Formen und des Handelns ist der umfassende Geist (Sangai yuishin)


 Das japanische Wort san entspricht im Deutschen „drei“ oder „dreifach“, und gai heißt „Welt“. Sangai bedeutet daher „drei Welten“ oder „dreifache Welt“. In der alten, traditionellen buddhistischen Theorie, die schon in Indien entwickelt wurde, gibt es drei Bereiche der insgesamt jedoch einheitlichen Welt:

1) Denken und Ideen,
2) Fühlen, sinnliche Wahrnehmung und Materielles,
3) Handeln (Nicht-Materie).

Der Wille zählt dabei zur Ideenwelt, und in der Tat besteht hier eine ganz enge Verbindung. Der Bereich des Handelns wird auch als Nicht-Materie bezeichnet.

Dōgen versteht den Begriff der dreifachen Welt oft als die wirkliche Welt des Hier und Jetzt, also als die ganze Welt, so wie sie ist. Diese enthält dann das Denken, das Fühlen, die Materie und nicht zuletzt das Handeln, und die Welt wird immer als real und einheitlich erfahren. Die Gliederung in die drei oben genannten Bereiche hat im Grunde genommen lediglich erklärenden und pädagogischen Charakter und ist keine Unterteilung und Trennung der Wirklichkeit selbst, wie es im gewöhnlichen Verständnis durch das subjektive Denken suggeriert wird.

Das japanische Wort yui bedeutet „nur“ oder „allein“, und shin heißt „Geist“. Daraus ergibt sich als Übersetzung des Titels „Die dreifache Welt ist der umfassende Geist“ oder auch: „Die dreifache Welt ist der Geist allein“. Die Formulierung „Die dreifache Welt ist nur der Geist“, die ebenfalls gebräuchlich ist, kann zu schwerwiegenden Irrtümern führen. In idealistisch dominierten buddhistischen Gruppen wird daraus nämlich gefolgert, dass es überhaupt keine wirkliche Welt gibt, also keine Materie und kein Handeln, sondern dass es nur den Geist als Ideen gibt. Alles sei allein im Denken und im menschlichen Geist real vorhanden, und dieser abgegrenzte und auf das Gehirn beschränkte Geist sei die einzige Realität. Daher sei die Materie unwirklich, nur ein Schatten und etwas Nicht-Existentes.

Ein solches Verständnis bezeichnet Dōgen als schweren Fehler. Schon unter logischen Gesichtspunkten ist es absurd anzunehmen, dass es keine materielle Wirklichkeit gibt. Nach Dōgens tiefer Erkenntnis ist die wirkliche Welt überhaupt nicht vom Geist getrennt und bildet eine unauflösbare Einheit mit ihm. Dabei sind insbesondere die subjektiven Bereiche des Denkens sowie die objektiven Bereiche des Wahrgenommenen eine Einheit, und die Wirklichkeit ist Handeln im Schnittpunkt von Subjekt und Objekt.

Auch die Materie gehört zum Geist
In diesem Kapitel des Shōbōgenzō wird vor allem die Einheit der materiellen Welt mit dem Geist analysiert. Das ist für das westliche Denken sicher erstaunlich, da wir gerade zwischen dem Denken und dem Materiellen streng unterscheiden und diesem Gegensatz kaum entkommen können. Vier Kapitel im Shōbōgenzō haben speziell den Materialismus beziehungsweise die materialistische Lebensphilosophie, wie Nishijima Roshi diese Weltsicht bezeichnet, zum Inhalt. Dazu gehören außer diesem Kapitel auch drei weitere.[i]

Dōgen macht in ihnen deutlich, dass er alle buddhistischen Ideologien ablehnt, die behaupten, dass es keine Wirklichkeit und insbesondere keine materielle Wirklichkeit gebe. Allerdings handelt es sich bei Dōgen nicht um den Materialismus im westlichen Sinne, der nur die Materie als alleinige Wirklichkeit anerkennt. Dieses Kapitel ist also eine radikale Kritik an idealistischen Interpretationen des Buddhismus, die sich häufig auf den Begriff der Leerheit (shunyata) stützen und sagen, dass alle Materie leer sei.

Ein solches Verständnis der Leerheit ist nach Nishijima und Warner auch für den Mittleren Weg bei Meister Nāgārjuna ein tiefgreifender Irrtum. Hierbei wird die idealistische Lebensphilosophie mit dem höchsten Zustand der Wirklichkeit verwechselt, für den dieser Begriff der Leerheit ursprünglich geprägt wurde.




[i] ZEN Schatzkammer, Bd. 3, S. 42 ff., Kap. 63: „Die Buddha-Augen (Ganzei)“; Bd. 3, S. 59 ff., Kap. 65: „Die Drachen singen in den kahlen Bäumen (Ryūgin) und Bd. 3, S. 162 ff., Kap. 77: „Die Wirklichkeit des Raumes (Kokū)

Sonntag, 30. November 2014

Der Indianer und die Wölfe




Ein alter Indianer erzählte seinem Enkel von einer großen Tragödie und wie sie ihn nach vielen Jahren immer noch beschäftigte.

"Was fühlst Du, wenn du heute darüber sprichst?" fragte der Enkel. 


Der Alte antwortete: "Es ist, als ob zwei Wölfe in meinem Herzen kämpfen. Der eine Wolf ist rachsüchtig und gewalttätig. Der andere ist großmütig und liebevoll." 

Der Enkel fragte: "Welcher Wolf wird den Kampf in deinem Herzen gewinnen?" 

"Der Wolf, den ich füttere!" sagte der Alte.  

 Quelle unbekannt

 

Mittwoch, 26. November 2014

Der Geist erlernt auf natürliche Weise von selbst die Wahrheit !


Besonders bemerkenswert ist die folgender Aussage Dōgen:

„Ihr solltet deshalb fest darauf vertrauen und annehmen, dass dieser Geist sich auf natürliche Weise von selbst daran gewöhnt, die Wahrheit zu erlernen. Dies nennen wir das Erlernen der Wahrheit mit dem Geist.“

In diesen Worten kommt sein tiefes Vertrauen zum Leben im Buddhismus zum Ausdruck. Für ihn handelt es sich um einen natürlichen Lernvorgang, wenn man auf dem Buddha-Weg das Erwachen oder die Erleuchtung und damit Befreiung erlebt. Das ist nichts Aufgezwungenes und durch pure Disziplin Erlerntes, sondern unsere wahre Natur, die sich entfaltet.

Neben der Zazen-Praxis ist das Handeln im Alltag mit den jeweiligen Pflichten und Aufgaben ein wesentlicher Teil des Buddha-Weges: "Erleuchtung ist Feuerholz tragen und Wasser schöpfen"

Dabei darf man sich nicht entmutigen lassen, wenn es Rückschläge gibt oder der Lernprozess „in Stücke zerfällt“, sondern wir sollen vertrauensvoll in den jeweiligen Situationen unseres Lebens nach der Buddha-Lehre handeln. Auch der von Angst gesteuerte Gedanke an den kommenden Tod führt nicht weiter, sondern wirkt meist wie ein Hindernis für das Handeln im gegenwärtigen Augenblick. Denn das Leben gehört dem Leben und nicht dem Tod.

Der Zen-Buddhismus hebt die Einheit mit der uns umgebenden konkreten Realität hervor. Das zeigt sich auch im Dialog zwischen einem großen Landesmeister und einem Mönch, den Dōgen zitiert. Der Mönch fragte den Meister: „Was ist der Geist der ewigen Buddhas?“ Und der Meister antwortete mit dem berühmten Satz:

Die Zäune, die Mauern, die Ziegel und die Kieselsteine.“

Diese Orientierung an den konkreten Gegebenheiten ist nach Dōgens Überzeugung der richtige Weg, um den Geist für die Wahrheit zu schulen und nicht in intellektuelle Spekulationen abzugleiten. Er erläutert hierzu:

„Die Worte sind im Gleichgewicht, der Geist ist im Gleichgewicht, und die Welt ist im Gleichgewicht.“

Damit ist der erwachte Zustand des Handelns im Hier und Jetzt gemeint, der ausführlich im Kapitel „Das verwirklichte Leben und Universum dargestellt wird.

Zum Schluss rät uns Dōgen dringend, die nur übernommenen, erlernten und dadurch verengenden Theorien wieder abzuschütteln und unmittelbar im Gleichgewicht von Körper-und-Geist zu leben und zu handeln.


Mittwoch, 19. November 2014

Tätigen Handeln ist selbst das Erwachen des Bodhi-Geistes


Nach der  buddhistischen Lehre, die seit über 2500 Jahren erprobt ist, kann man die Wahrheit und Befreiung nur dadurch erlernen, dass man sowohl den Geist als auch den Körper schult. Beide gehören nämlich in der Wirklichkeit unauflösbar zusammen und bilden eine Einheit. Der Lehre vom Handeln und Tun kommt im Buddhismus eine sehr große Bedeutung zu, und zum Handeln gehören immer sowohl der Geist als auch der Körper.

Während wir in der westlichen Philosophie den Intellekt und Geist meist völlig losgelöst vom Körper des Menschen behandeln, wird eine solche Trennung im Buddhismus als sinnlos abgelehnt. Wenn Dōgen zunächst den Lernvorgang des Geistes und dann den des Körpers beschreibt, geschieht dies lediglich aus didaktischen Gründen, um die jeweiligen Bereiche möglichst klar herausarbeiten zu können.
Er betont, wie wichtig es ist, den klaren Entschluss für den Buddha-Weg zu fassen. Und er bemerkt hierzu:

„Wenn ihr euch nicht entschließen könnt, die Wahrheit zu erlernen, entfernt sie sich immer mehr von euch.“

Das bedeutet, dass man durch den Entschluss allein zwar noch nicht zur Wahrheit erwacht ist, aber dass man sich ohne eine solche grundsätzliche Entscheidung in seinem Leben immer mehr verirrt und sich zum Beispiel im Materialismus verliert.
Wesentlicher Teil dieses Wahrheitsweges ist ethisches Denken und Handeln. Die Ethik darf nicht im Denken und bei den Ideen stehen bleiben, sondern muss durch das Handeln umgesetzt und im Hier und Jetzt verwirklicht werden. Gleichwohl ist der Entschluss zum ethischen Handeln zunächst im Geist und Willen angesiedelt. Der Entschluss ist der Beginn eines Lebens auf einem neuen Weg.

Dōgen geht auf verschiedene Arten des Geistes ein, die ursprünglich aus der altindischen Buddha-Lehre stammen. Er warnt uns jedoch davor, diese Einteilungen nur rein theoretisch zu verstehen, und fordert uns stattdessen auf:

„Dann erlernt und erforscht ihr es im tätigen Handeln, das selbst das Erwachen des Bodhi-Geistes ist.“

Weiter führt er aus, dass es auf die Gegenwart und den Augenblick beim geistigen Handeln ankommt. Der Lernvorgang im Geist soll dabei den unterscheidenden Intellekt überschreiten. Und man soll sowohl durch das Denken als auch durch das Nicht-Denken üben. Vor allem mit dem Nicht-Denken spricht er zweifellos die Zazen-Praxis an. Außerdem sei die Verbindung vom Meister zum Schüler, der später eventuell selbst Meister wird, von fundamentaler Wichtigkeit, und Dōgen spricht davon, dass bei dieser Verbindung „der Geist durch den Geist lernt“. Der Geist des zukünftigen Meisters wird von dem des vorherigen im direkten ganzheitlichen Kontakt als Lernprozess erfasst und dreht damit das Dharma-Rad.


Dōgens umfassende Vorstellung vom Geist und von der Einheit mit der konkreten Wirklichkeit wird darin deutlich, dass er Berge, Flüsse, die große Erde, Sonne und Mond einbezieht und erklärt, dass sich dies alles je im gegenwärtigen Augenblick realisiert. Er übersteigt dabei die materielle Sichtweise der äußeren Form und auch die Begriffe wie „Berg“ oder „Fluss“. Daher sind Maßangaben und Bezeichnungen wie „innen“ oder „außen“, „groß“ oder „klein“ und dergleichen ebenfalls ungeeignet, um diese Einheit von Geist und konkreter Wirklichkeit zu erfassen.

Donnerstag, 13. November 2014

Leben-und-Tod als Kopf und Schwanz


Dōgen formuliert kurz und prägnant zu unserem Leben hier und jetzt: Es geht ganz einfach um Kommen-und-Gehen in der Praxis, und das ist genau Leben-und-Tod.

„Mit Leben-und-Tod als Kopf und Schwanz kann der wirkliche menschliche Körper einen Salto machen und das Gehirn umwenden. (Das ist der wahre) menschliche Körper, der das ganze Universum in den zehn Richtungen ist.“

Das Denken und der Geist können jäh geändert und gedreht werden, meint Dōgen, wenn die Bodhi-Wahrheit anwesend ist. Wir sind tatsächlich fähig, in unserem Leben einen plötzlichen Salto zu springen, wenn dies erforderlich ist, weil wir dazu auf dem Buddha-Weg die Freiheit gewonnen haben. Wir dürfen nicht den Fehler machen, nur zu denken, dass unser wirklicher menschlicher Körper ganz konkret im Hier und Jetzt handeln würde. Es geht um die Wirklichkeit jenseits des linearen Denkens. Wie die Gehirnforschung heute nachgewiesen hat: nur in einem sehr kleinen Teil unseres Neuronalen Netzes läuft das lineare sog. logische Denken, aber unsere Weisheit und Praxis gehen weit darüber hinaus; und sie sind gut trainierbar.

Der Bezug zum Universum darf genauso wenig dazu führen, dass wir nur diffusen abstrakten Ideen vom Weltall und Universum nachhängen. Dōgen unterstreicht, dass der zitierte Salto und das „Drehen des Gehirns“ genauso konkret sind wie die Größe einer Münze und das Innere eines Atoms. Schwierige Lebensprobleme, die manchmal im Zen als tausend Fuß hohe Mauer bezeichnet werden, sind oft gar nicht so unüberwindlich, wie sie zunächst erscheinen, wenn sie in der Wirklichkeit des Gleichgewichts von Körper-und-Geist tatkräftig behoben werden.

Dann seien sie keine hohen Mauern mehr, sondern würden zu einem Weg, der fast als eben und flach bezeichnet werden könne. Wir sollten die wirklichen Situationen und Zusammenhänge und die wirklichen Eigenschaften der Dinge und Phänomene in der Einheit von Körper-und-Geist genau untersuchen, denn das ist der Weg, die Wahrheit zu erlernen.

In seiner typischen Weise sagt Dōgen schließlich:

„Die Knochen und das Mark des Nicht-Denkens und des nicht Nicht-Denkens existieren (wirklich). Nur wenn wir uns der Idee einer Wirklichkeit, die nur im Gehirn beheimatet ist, entschieden widersetzen, lernen wir die Wahrheit.“

Das sei für alle Dimensionen des Geistes besonders wichtig.


Mittwoch, 5. November 2014

Das Leben hängt nicht vom Tod ab


Der "Tod" alter Zustände, Vorurteile, Abwertungen und alter Fesseln führt laut Dōgen zu einem besseren Leben, zu einem Neuanfang. Dadurch treffen wir das wahre Leben, bevor uns der Tod ereilt:

Das Leben hindert nicht den Tod, und der Tod hindert nicht das Leben.“

Es ist also sinnlos, den Tod zu verdrängen, denn dadurch wird man die Bedrohung durch das eigene Ende nicht los. Wer sich aber permanent panischen Todesgedanken ausliefert, verpasst das Leben genauso. Wenn wir leben, sollten wir das umfassend tun, aktiv handeln und uns ganz dem Augenblick öffnen.

Dōgen unterstreicht, dass gewöhnliche Menschen, welche die buddhistische Wahrheit nicht erlangt haben, weder das Leben noch den Tod wirklich kennen. Der Tod sollte natürlich in das Leben integriert werden. Aber das Leben hängt nicht vom Tod ab und sollte durch das Leben selbst gesteuert werden. In diesem Sinne sagte auch Zen-Meister Engo Kokugon, der etwa 130 Jahre vor Dōgen lebte:

„Das Leben ist die Verwirklichung aller (seiner) Aufgaben und Funktionen.
Der Tod ist die Verwirklichung aller (seiner) Aufgaben und Funktionen.
Sie erfüllen den ganzen Raum.
Der reine, bloße Geist ist immer Augenblick für Augenblick.“[i]

Dōgen fordert uns auf, diese Zeilen sorgfältig zu bedenken und zu analysieren. Sie erscheinen zunächst recht unverständlich und der Vernunft nicht zugänglich. Was bedeuten sie? Die ersten beiden Zeilen sollen die Wirklichkeit von Leben und Tod ungeschminkt, aber auch ohne Panik beschreiben.

Die Funktionen und Aufgaben unseres Lebens sind von unserer Verantwortung und der Ethik des Handelns mit und für andere nicht zu trennen. Esoterische Isolation vom täglichen Leben und der Rückzug in Nischen falsch verstandener Spiritualität und weltfremder Philosophien sind gefährliche Sackgassen im Leben. Sie besitzen keine Dynamik, nur sehr begrenzte Kreativität und führen leicht zum Vertrocknen des Körper-und-Geistes. Aber wir sollen uns auch nicht von der Angst vor dem körperlichen Tod einengen lassen.

Als Tod verstehe ich hier nicht nur den physischen Tod, sondern vor allem das Ende von Täuschungen und den Neuanfang nach Irrtümern und Fehlern. Das ergibt die Voraussetzung für einen Neubeginn, denn nach Shunryu Suzuki ist Zen-Geist genau Anfänger-Geist. Um neu anzufangen, muss man etwas Falsches beenden, das Falsche muss also vertrocknen und sterben.

Wer starr an seinem eigenen Käfig festhält, kann sich nicht entwickeln und nicht den schwierigen aber erfüllenden Weg zur Freiheit finden. Das Universum befindet sich in einem dynamischen Gleichgewicht, und auch unser Leben sollte in einem solchen dynamischen Gleichgewicht ablaufen.

Der zitierte Raum hat im Zen-Buddhismus verschiedene Bedeutungen, die vielfältige Lebensdimensionen wiedergeben. Er ist nach der alten indischen Lehre ein materielles Element, wird aber auch häufig als Symbol für das Gleichgewicht, die Befreiung und sogar die Leerheit verwendet. Er steht damit auch für die Zazen-Praxis, bei der die Gedanken und Emotionen sich auflösen und wir häufig ein umfassendes, intuitives Raumgefühl erleben:

"Zazen ist Nicht-Denken.“[ii]

In der letzten Zeile steht der einfache, ungekünstelte Geist im Mittelpunkt, der auch als nackt und bloß bezeichnet werden kann und sich jäh im Augenblick verwirklicht.





[i] Kap. 41, ZEN Schatzkammer, B. 2, S. 143 ff.: „Das Universum ist dynamisches Handeln (Zenki)
[ii] Nishijima, G. W.; Seggelke, Yudo J.: Die Kraft der ZEN-Meditation. Im Auge des Zen, Bd. 4, S. 36 ff.

Mittwoch, 29. Oktober 2014

Gleichgewicht im Handeln: Schritte vorwärts und rückwärts


 „Indem wir fortfahren, Augenblick für Augenblick den (bisherigen) Körper aufzugeben und den (wahren) Körper zu empfangen, ist es der gegenwärtige Zustand, die Wahrheit durch Schritte vorwärts und Schritte rückwärts zu lernen.“

Diese Formulierung mit den vorwärts und rückwärts gerichteten Schritten wird im Shōbōgenzō häufig verwendet, um das Handeln näher zu charakterisieren. Die Schritte vorwärts bezeichnen ein aktives, vorwärts gerichtetes Handeln, während die Schritte rückwärts bedeuten, etwas Sinnvolles geschehen zu lassen oder sogar einige Schritte zurückzutreten und der gesamten Situation die Freiheit zu geben, sich harmonisch und natürlich zu entwickeln.

Eine dauernd vorwärts drängende Hektik kann niemals zu einem ausgeglichenen Leben für sich selbst oder für andere führen. Es mag Phasen geben, wo eine solche drängende, konzentrierte Kraftanstrengung notwendig und sinnvoll ist, um eine Hürde zu überwinden oder in einen ganz neuen Lebens-Zustand zu gelangen. Aber dann sollte man wieder einen Schritt zurücktreten, das Ganze genau beobachten, um nicht zu sagen darüber meditieren, um keinen unnötigen Zwang auf die gesamte Situation auszuüben.

Die neue Situation ist dann die Ausgangslage für das weitere Vorgehen, das einer konkretisierten Analyse bedarf, die vorher gar nicht möglich war. Erst dadurch ergibt sich die nötige Offenheit: Zen-Geist ist Anfängergeist.[i] Andauernder Aktivismus erzielt oft eine schlechte Wirkung und kostet viel unnötige Kraft. Wer sich ohne Gleichgewicht verausgabt, landet im Burnout.

Dōgen verwendet für die Ruhe und das Gleichgewicht gern Wendungen aus bekannten Kōan-Geschichten des Zen, zum Beispiel: „ein polierter Ziegel“, ein Baum mit „verwelkten Blättern“ der falschen gierigen Emotionen oder die „tote Asche“ des Egoismus. Das sind Bereiche, die auf dem Weg der Zen-Praxis verwelken  und vergehen. Es geht um positive Eigenschaften der ausgeglichenen Zazen-Praxis, die aus ihr entstehen, und keineswegs um Askese, die alles Lebendige abtötet und die Menschen zu gefühllosen Baumstümpfen werden lässt. Wenn der Körper abstirbt, stirbt auch der Geist und mit ihm unsere menschliche Kreativität. Denn Lebensfreude und Kreativität sind ein "Geschwister-Paar".

Es geht darum, den Mittleren Weg zu gehen und überschießende Extreme zu vermeiden. Der Mittlere Weg führt aus der Abhängigkeit und Mittelmäßigkeit zur Selbstbestimmung. Das Streben nach der Wahrheit und die meditative Praxis sollten ohne Unterbrechungen und kontinuierlich durchgeführt werden. Wenn wir einmal nachlässig waren bei der Praxis oder im täglichen Handeln, sollten wir möglichst schnell wieder zum guten Rhythmus zurückkehren.

Das Leben im Zen ist zunächst keine bequeme Angelegenheit. Aber der wahre Zen es ist auch nicht rau, trostlos und ärmlich, wie Außenstehende manchmal behaupten; das ist blanker Unsinn:

„(Unser) Leben ist eine Anstrengung, aber wir sind gleichzeitig keine armen Gestalten. Vergleicht uns nicht mit Begriffen wie Täuschung oder gut und böse. Geht nicht in die Falle der Bereiche von falsch und richtig oder wahr und unwahr.“

Dōgen fügt weitere Kōan-Formulierungen hinzu: Wahres „Leben-und-Sterben, Gehen-und-Kommen sind der wirkliche menschliche Körper.“ Das fortlaufende, ziellose Wandern im Leben der gewöhnlichen Menschen, welche die Bodhi-Wahrheit nicht anstreben und erlangen, ist etwas anderes als das nur scheinbar ziellose Leben der praktizierenden Buddhisten. Denn es geht nicht um materielle Ziele, um Ansehen oder äußerer Ruhm. Besser ist Handeln im Gleichgewicht.

Dōgen bezeichnet diesen Unterschied als „zwei der sieben Arten von Leben-und-Tod“ und meint damit das eingeengte Leben gewöhnlicher Menschen, die nur zwei verschiedene Lebensweisen kennen, zum Beispiel Unterscheidung und Veränderung im Äußeren. Im Gegensatz dazu haben praktizierende Buddhisten zusätzliche Varianten, Möglichkeiten und Freiheiten, die hier mit den „sieben Arten“ symbolisiert werden.[ii] Wenn wir die vielfältigen Arten zu leben vollkommen verwirklichen, brauchen wir uns nicht zu fürchten und keine Ängste für die Zukunft zu haben. Wer in seinem jetzigen Leben alte Zustände und Fesseln abgelegt hat, ist damit schon eines Todes seines früheren negativen Lebens gestorben.



[i] vgl. Suzuki, Shunryu: Zen-Geist, Anfänger-Geist
[ii] Shobogenzo, englische Fassung, Bd. 2, S. 255, Fußnote 65

Mittwoch, 22. Oktober 2014

Wir sind im Gleichgewicht, wenn der Weg des Buddha gegangen wird


Im Zustand des Gleichgewichts sehen wir also alles ganz klar und realisieren, dass der menschliche Körper nach der Überwindung der Dualität das Ganze der zehn Richtungen ist. Dabei sei es von geringer Bedeutung, dass der menschliche Körper „durch sich selbst und andere begrenzt ist.“[i] Das heißt nichts anderes, als dass der menschliche Körper zu einem konkreten Menschen gehört und in Wechselwirkung mit anderen Menschen und Situationen steht.

Diese Aussage unterstreicht, dass das Leben im Gleichgewicht ist und das ganze Universum der zehn Richtungen ebenfalls balanciert ist. Zum menschlichen Körper gehören nach buddhistischer Vorstellung die vier materiellen Elemente und die fünf Komponenten des Menschen (skandas). Auch sie sind im Gleichgewicht, wenn der Weg des Buddha gegangen wird. Das Gleichgewicht ist nicht nur eine Angelegenheit des Gehirns oder der Psyche: So ist zum Beispiel die Körperhaltung bei der Zen-Meditation von zentraler Bedeutung.[ii]

Die intellektuellen Fähigkeiten sind im Gegensatz zum umfassenden Körper-und-Geist sehr begrenzt:

Weder die großen Elemente noch die kleinsten Partikel können von den gewöhnlichen Menschen vollständig erkannt werden, aber sie werden in der Erfahrung durch die Heiligen (mit Körper-und-Geist) gemeistert.“

Wer also nicht die im Buddhismus gelehrte Wahrheit und Freiheit erlangt hat, besitzt zwangsläufig nur ein eingeengtes Bewusstsein sowie ein eingeengtes Wahrnehmungsvermögen. Auch die Konzentrationsfähigkeit wird durch die regelmäßige Zazen-Praxis ganz wesentlich verbessert. Ich habe das selbst bei der Entwicklung neuartiger und komplexer Informatiksysteme erfahren.

Es geht also bei der Zen-Praxis nicht um einen Ausstieg aus dem Alltag, um für eine begrenzte Zeit die Wohltaten einer esoterischen, „rein geistigen“ Meditation zu genießen und dann wieder in den alten Stress, die alten Einengungen und Fixierungen zurückzufallen. Der Zen-Buddhismus ist aus meiner Sicht gerade besonders dafür geeignet, das Leben in allen Dimensionen des Körpers und Geistes zu verbessern. Ein elitärer Geist, der sich von allem Körperlichen und Materiellen abgelöst hat und in höheren Sphären schwebt, ist wenig hilfreich.

Auf dieser Basis (ist das ganze Universum) aufgebaut, und dieser Aufbau ist auf dieser Basis verwirklicht.“


Durch das Erlangen der umfassenden Wahrheit bekommt man also sowohl ein umfassendes intuitives Verständnis der Einheit der Welt, die immer aus Körper und Geist als Einheit besteht, als auch die Präzision und Klarheit für das Detail, für die Dinge und Phänomene. Nicht zuletzt sind solche erwachten Menschen durch abstrakte Ideologien kaum zu beeinflussen, und sie laufen keinen charismatischen Verführern nach, die manchmal sogar kriminelle Energie besitzen.

Eine Gehirnwäsche zum Beispiel ist bei solchen Menschen völlig wirkungslos, weil sie den gesagten oder geschriebenen Worten nur begrenzt vertrauen. Außerdem besitzen sie ein präzises Beobachtungsvermögen sowie Kombinationsintelligenz und erkennen, ob zum Beispiel das wirkliche Handeln mit den rhetorisch schön formulierten Zielen übereinstimmt.






[i] Shobogenzo, englische Fassung, Bd. 2, S. 254, Fußnote 57
[ii] vgl. hierzu: Nishijima, G. W. und Seggelke, Y. J.: Die Kraft der ZEN-Meditation. Im Auge des Zen, Bd. 4

Donnerstag, 16. Oktober 2014

Sind wir von Natur aus Buddha, auch ohne Praxis ?



Dōgen kritisiert in aller Klarheit die Ideologie, dass wir uns nicht anstrengen müssten, da wir ja schon von Natur aus Buddha, also erwacht und erleuchtet seien. Er zitiert dazu den großen Meister Hyakujo, der das Anhaften an dieser oberflächlichen und falschen Lehre als besonders verhängnisvoll bezeichnet. Er selbst hat, wie die Überlieferung berichtet, intensiv und ausdauernd praktiziert und sich auf diese Weise von seinen eigenen Fesseln und seinem eigenen Käfig befreit.

Er bezeichnet die Naturalisten, die aus einer Sicht nicht dem Buddhismus angehörten, schlicht als Müßiggänger. Im Gegensatz dazu habe Hyakujo durch seine intensive Praxis große Verdienste und Tugenden beim Lernen der Wahrheit zum Beispiel für seine Nachfolger erworben. Er sei dadurch in „die Freiheit gesprungen“, wie sich Dōgen ausdrückt. Er bewundert die große Anstrengung und den hohen körperlichen Einsatz von Meister Hyakujo auf dem Weg, die Bodhi-Wahrheit zu erlernen. Seinen Aussagen könne man unbedingt vertrauen.

Solche zielstrebigen und ausdauernden Menschen vergleicht Dōgen mit dem für uns vielleicht etwas eigenartig wirkenden Bild, dass sie wie Kletterpflanzen seien, zum Beispiel Glyzinien, die an einem Baum hochranken. Ich interpretiere das so, dass der Buddha-Dharma einem festen Baum gleicht, der uns Halt gibt, sodass wir zum Licht wachsen und wie die Glyzinie Blütentrauben bilden können.

Dann stellt Dōgen eine Verbindung zum handelnden Bodhisattva und zu berühmten Passagen des Lotos-Sūtra her:
„Manchmal manifestieren (Menschen wie Hyakujo) einen (bestimmten) Körper, um andere zu retten und sie den Dharma zu lehren, und manchmal manifestieren sie (gerade) einen anderen Körper, um (diese Menschen) zu retten und den Dharma zu lehren.“

Er spricht damit das Bodhisattva-Ideal an, das beinhaltet, dass man sich jeweils in der Form oder wie es im Lotos-Sūtra heißt mit dem Körper manifestiert, der für die anderen Menschen jeweils der beste und geeignete ist, um helfen zu können. So hat es zum Beispiel wenig Sinn, einem armen Menschen Lebensmut geben zu wollen, damit er mit seiner Armut fertig wird, wenn man selbst erkennbar reich ist, teure Kleidung trägt oder mit einem Luxusauto vorfährt. Wer anderen Wasser predigt und selbst teuren Wein trinkt, besitzt nur eine geringe Überzeugungskraft, wenn er direkt mit den anderen Menschen zusammenkommt. Daran sollten sich auch unsere christlichen Kirchen halten, deren "Oberschicht" nicht selten dem Luxus frönten. Daher sei es auch sinnvoll, eine bestimmte Form, die dem anderen nicht helfen könnte, gerade nicht zu offenbaren.

Dōgen vertieft dann die körperlich-konkrete Seite des wahren Lernens, das nicht abgehoben in der Studierstube oder in esoterischen Sondersituationen erfolgen kann. Es geht in den konkreten zehn Himmelsrichtungen vor sich, also in den geografischen Dimensionen dieser Welt. Sie bezeichnen die gesamte umfassende Welt und das ganze Universum. Mit diesen konkreten Angaben soll verhindert werden, dass wir in abstrakte, nebulöse Vorstellungen zum Geist abgleiten. In Bezug auf die Sein-Zeit sagt Dōgen zu den Himmelsrichtungen:

„Wir sollten den Augenblick (so) denken, dass seine Vorderseite und Rückseite sowie Länge und Breite vollkommen das Ganze sind.“

Das heißt, dass auch die Lebensphilosophie des Augenblicks ganz konkret und direkt in den zehn Himmelsrichtungen verwirklicht werden muss; theoretische, modellartige Annahmen, zum Beispiel dass die Augenblicke wie Perlen auf einer Kette zu verstehen seien, sollte man vermeiden.


Dienstag, 30. September 2014

Der „normale“ Geist und der Körper


Normaler Geist
Dōgen behandelt eingehend den sogenannten „normalen Geist“; damit meint er einen im Gleichgewicht befindlichen natürlichen Geist. Der Begriff „normal“ darf hier also keineswegs so verstanden werden, dass es sich um den gewöhnlichen Geist der Menschen handelt, die nicht zur Bodhi-Wahrheit gelangt sind und in den üblichen Denkmustern und Vorurteilen ihrer jeweiligen Zeit und Kultur fixiert sind.

Nishijima und Cross erklären dazu:
Mit anderen Worten ist das Normale der augenblickliche Zustand des natürlichen Tuns und Handelns, gerade auch in einer bestimmten Verantwortung des Alltags.“

Das ist ebenfalls eine ganz typische Aussage des Zen-Buddhismus, der fordert, dass der Wahrheitsgeist nicht nur von einsamen Heiligen und hinter Klostermauern wirksam ist, sondern auch und gerade im ganz normalen täglichen Leben und Handeln. Dies wird durch die Fokussierung auf den gegenwärtigen Augenblick und damit auf das unmittelbare Erfahren in der Praxis ermöglicht.

Für den normalen Geist gilt nämlich die Feststellung: „Die Worte sind im Gleichgewicht, der Geist ist im Gleichgewicht, und der Dharma ist im Gleichgewicht.“ Es mag durchaus sein, dass die meisten Menschen wenig vertraut sind mit der Bedeutung der Formulierung „Worte im Gleichgewicht“, dem Geist und der Dharma-Wahrheit. Dōgen erklärt dazu Folgendes:
„Der ganze Himmel und die ganze Erde der Gegenwart sind wie eine Sprache, die ungewohnt ist, wie eine Stimme, die aus dem Grund der Erde hervorkommt.“

Er fährt fort, dass ein solches Gleichgewicht maßgeblich für das Kommen und Gehen im Augenblick unseres Lebens ist und dass wir oft von großer Ignoranz gegenüber dem „höchsten Körper“ der Verwirklichung des gegenwärtigen Lebens auf der Erde sind.

Obgleich wir unwissend sind, versichert Dōgen, würden wir gewiss Fortschritte auf dem Bodhi-Weg machen, wenn wir diesen „normalen Geist“ erwecken. Es besteht überhaupt kein Zweifel, dass dieser Weg gegenwärtig ist, und selbst wenn wir hin und wieder Zweifel haben, schreiten wir mit der Buddha-Wahrheit voran, wenn wir einmal den klaren Entschluss dazu gefasst haben.
Mit diesen Aussagen schließt Dōgen das Erlernen der Bodhi-Wahrheit durch den Geist ab und wendet sich dem Körper zu.

Das Erlernen mit dem Körper
Ohne den Körper ist das Lernen der Wahrheit unmöglich. Dabei geht es Dōgen ganz konkret um unseren Körper aus Fleisch und Blut, der ja eine Einheit mit dem Geist bildet. Er zitiert hierzu Meister Chosa Keishin, der im 9. Jahrhundert lebte: „Das ganze Universum der zehn Himmelsrichtungen ist genau der wirkliche menschliche Körper.“ Meister Engo Kokugon formulierte in gleichem Sinne:

„Leben-und-Sterben, Gehen-und-Kommen sind der wirkliche menschliche Körper.“

Wir handeln immer ganz wesentlich mit dem Körper, zum Beispiel um Unrechtes zu vermeiden, die Gelöbnisse einzuhalten und die Zuflucht zu den drei Kostbarkeiten Buddha, Dharma und Sangha zu nehmen. Eine nur materialistische Sicht des Körpers führt hier in die Irre, insbesondere wenn sie ohne jede ethische Bindung verstanden wird.

Dōgen bezeichnet diese Sichtweise als naturalistisches Weltbild und betont den fundamentalen Unterschied zum Natürlichen im Buddhismus, der immer im Einklang mit den Gesetzen des Universums, des Lebens und des Ethos ist. Wie er bei den 108 Toren zur Erleuchtung[i] sagt, gehören die vier himmlischen Verweilungen – also die liebevolle Zuwendung, das Mitgefühl, die Mitfreude und der Gleichmut – unauflösbar zum Buddhismus und offenbaren den großen Gegensatz zum materialistischen und naturalistischen Weltbild.






[i] Shobogenzo, deutsche Fassung, Bd. 3, S. 311 ff.

Donnerstag, 25. September 2014

Die Stacheln der Wasserkastanie: Symbole für die reinen Augenblicke



Was ist „der nackte, reine Geist, Augenblick für Augenblick“?,

fragt Dōgen. Das entsprechende japanische Wort seki, das ich mit „nackt“ und „rein“ übersetzt habe, soll den direkten Augenblick in der Gegenwart treffend bezeichnen. Es geht dabei nicht um Vorstellungen und Ideen über den Augenblick, sondern um die Wirklichkeit selbst, Augenblick nach Augenblick. Das heißt auch, dass im Augenblick nichts verdeckt oder weggelassen und nichts hinzu fantasiert wird.

Die Rundheit des Mondes ist im Zen-Buddhismus häufig ein Symbol für die Erleuchtung, also für den Wahrheitsgeist. Auch die runden Blätter des Lotos und die im alten China gebräuchlichen runden Spiegel aus fein poliertem Metall sind von der Sein-Zeit des Augenblicks nicht zu trennen. Gleiches gilt für den reinen Geist, Augenblick für Augenblick.

Dōgen erwähnt in diesem Zusammenhang die Wasserkastanie, wobei deren einzelne Stacheln als Symbol für die Augenblicke stehen. Er spricht davon, dass die spitzen Stacheln gleichzeitig wie ein Bohrer wirken. Ich interpretiere diese Aussage so, dass die Stacheln zum Kern des reinen und bloßen Geistes vordringen können und damit Fantasievorstellungen und theoretische Abstraktionen durchstoßen. Dōgen verwendet also die Rundheit und die Spitzigkeit als Symbole für den Geist in der Sein-Zeit.

Im existenziellen und spirituellen Bereich kann es keine Dinge und Phänomene geben, die unabhängig von der Sein-Zeit sind. Nur im Augenblick gibt es die Wirklichkeit, die frei von Illusionen, emotionalen Bewertungen und Verzerrungen durch Affekte ist. Dies ist der „nackte Geist“ der nackten Wahrheit.

Dōgen erwähnt dann das Zen-Zitat „Der Geist der ewigen Buddhas“ und verbindet es mit dem Kōan-Gespräch des großen Meisters Daisho, der von einem Mönch gefragt wurde:

Was ist der Geist der ewigen Buddhas?“
Der Meister gibt eine wirklich verblüffende Antwort:

„Hecken, Mauern, Ziegel und Kieselsteine.“

Diese Dinge dürfen wir jedoch nicht materialistisch verstehen, weil damit die Verbindung zu dem Geist der großen Meister verloren ginge. Genauso falsch wäre es, sich in abstrakten Theorien darüber zu verlieren, was der Geist der großen Meister sei. Um auf die konkrete Welt hier und jetzt zurückzukommen und den Mönch von unnützen Spekulationen seines „Denk-Käfigs“ wegzubringen, antwortet daher der Meister mit der Aufzählung der Hecken, Mauern, Ziegel und Kieselsteine, denn sie bilden mit dem wahren Geist, den Dōgen meint, eine unauflösbare Einheit.

Eine abstrakte Welt der Urideen, die losgelöst von der materiellen Wirklichkeit der Welt existieren, wie der griechische Philosoph Platon gelehrt hat, ist daher im Zen-Buddhismus völlig unsinnig und gehört in den Bereich der Spekulationen. Gerade die Vorstellungen vom Geist der großen Meister können leicht zu idealisierenden und utopischen Konstrukten führen.


Dem will Dōgen hier konsequent einen Riegel vorschieben.

Freitag, 19. September 2014

Die Wahrheit hat die Kraft einen Edelstein herauszuziehen


 Wenn Dōgen davon spricht, dass man im Alltagsleben durch den „Schlamm geht und im Wasser steht“, bezieht er sich im Hinblick auf die große Wahrheit auf die täglichen Gegebenheiten im alten China und Japan. Er erklärt, dass wir uns selbst wie mit einem Seil an die große Wahrheit binden, und meint damit die Selbststeuerung des Zen, die alle Extreme vermeidet und mit dem buddhistischen Ethos im Einklang ist.

„(Die Wahrheit) hat die Kraft, einen Edelstein herauszuziehen und auch achtsam in das Wasser zu gehen und eine Perle zu finden. Wir sollen uns nicht dadurch irritieren lassen, dass die Wahrheit sich manchmal verabschiedet, dass sie auseinanderfällt oder auch plötzlich ganz verschwindet.“

Das heißt, dass wir im Lernprozess der Wahrheit manchmal das Bewusstsein und die Klarheit über diese Wahrheit selbst verlieren, aber dadurch kann sich das Problem der Wahrheitsfindung durch das Bewusstsein gerade auflösen. Wir handeln dann unmittelbar und ohne dualistisches Denken von Subjekt und Objekt.

Die Wahrheit besteht keinesfalls nur aus materiellem Beobachten und intellektuellem Denken, denn beides vollzieht sich in der Trennung von Subjekt und Objekt und ermöglicht keinen direkten, umfassenden Zugang zur Wirklichkeit.

Indem wir einen (geistigen) Salto machen, lernen wir die Wahrheit.“

Jeder besitzt laut Dōgen den natürlichen Zustand, den Umständen und Gesetzen der Welt und des Lebens zu folgen, also in Harmonie und Kreativität mit ihnen zu handeln. Dadurch fallen je im Augenblick die einengenden Mauern zusammen, und wir lernen, offen in den zehn Himmelsrichtungen zu leben.

Den Wahrheits- oder Bodhi-Geist beschreibt Dōgen in mehreren Kapiteln. Es sei von zentraler Bedeutung, dass wir genau diesen Geist erwecken, denn damit erlangen die Lebensbereiche von Leben-und-Tod und von Nirvāna sowie alle anderen Lebensumstände eine neue Bedeutung; sie überschreiten das herkömmliche Verständnis.

Der geografische Ort für den Aufenthalt des Menschen ist unwesentlich, wenn wir den Wahrheitsgeist erwecken und entwickeln. Dieser ist frei von Vorurteilen, psychischen Blockaden, Ängsten und gierigem Willen. Philosophische Begriffe und Bedeutungen wie Existenz oder Nicht-Existenz sind ebenfalls weitgehend bedeutungslos und werden einfach beiseite gelassen. Auch die üblichen Bewertungen wie gut oder schlecht, moralisch vorbildlich oder falsch sowie Begriffe wie Sünder, Zöllner und Gescheiterte verlieren ihre Bedeutung – und zwar für uns selbst und -nicht zuletzt- im Zusammenleben und Handeln mit anderen Menschen.

Dōgen betont, dass die Bodhi-Wahrheit weder eine Belohnung für früheres gutes karmisches Handeln ist, noch eine Folge davon, sondern es komme genau auf den jetzigen Augenblick und auf die Befreiung von karmischen Bindungen an.

Ein Mensch der Bodhi-Wahrheit mag sich so fühlen, als ob er „unter Fremden weilt“, deren Sprache er nicht mehr versteht, denn er hat die gewöhnlichen Lebensphilosophien verlassen. Der Wahrheitsgeist verlässt ihn allerdings nicht, gerade wenn er in schwierige Situationen kommt und mit Menschen Umgang hat, die gierig wie Tiere ihren Vorteil verfolgen oder mit verblendetem Geist verhärteten Ideologien nachjagen.

Der Wahrheitsgeist gibt den Menschen Stabilität, innerer Ruhe und Lebensfreude.


Samstag, 13. September 2014

Hingabe an den Augenblick


Dōgen unterstreicht seine zentralen Aussagen, dass wir die Wahrheit erlernen, indem wir das bisher Gewohnte und sogar die lieb gewonnene Umgebung verlassen und uns radikal auf Neuland begeben: Wir müssen „den eigenen Käfig verschrotten“.

Dieses eigene Erfahren und Lernen geht über das Nachahmen der großen buddhistischen Meister hinaus und kann keine Kopie des Lebens anderer Menschen sein. Wirkliche Lernprozesse sind je eigenständig und verlaufen nach den eigenen karmischen Bedingungen. Aber dabei gibt es den einen Wahrheitsgeist.

Ein solches Lernen kann auch nicht mit den Worten beschrieben werden, dass der Mensch zur Erleuchtung aufsteigt und sich dann als erleuchteter Meister wieder auf die Schüler hinab bewegt, um sie zu lehren. Dōgen beschreibt das Erlernen der Wahrheit als „Entwicklung der Dinge“ und „Hingabe an den Augenblick“.

Er sagt also ganz konkret, wie der Lernprozess beschaffen ist, und zwar für uns selbst und für andere. Für die Hingabe an den Augenblick verwendet er auch die Formulierung „sich in den Augenblick werfen“ und kennzeichnet damit nicht zuletzt die Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit aller täglichen Handlungen und Verpflichtungen.

Die Wahrheit im Alltag erlernen

Nachdem Dōgen mit seinen Ausführungen ein umfassendes und gleichzeitig differenziertes Spektrum aufgezeigt hat, wie wir die Wahrheit mit dem Geist erlernen, kommt er auf unsere ganz konkrete Welt zu sprechen:

„Weil das Erlernen der Wahrheit so wie das (oben Dargestellte) ist, sind die Hecken, die Wände, die Ziegel und die Kiesel Geist.“

Was will er damit sagen? Das ist kein abgehobenes, esoterisches Verständnis des Geistes, und der Geist wird auch nicht isoliert vom Körper und der Welt betrachtet, etwa im Sinne der Ur-Ideen Platons, denn diese bestehen ewig ganz für sich selbst und besitzen keine materielle Form. Nach Platon ist es für die Menschen das Höchste, an diesen Ur-Ideen durch rein geistig-philosophische Übungen so viel wie möglich teilzuhaben. Er behauptet sogar, dass allein dadurch eine Befreiung des Menschen erreicht würde – aus meiner Sicht ein schwerwiegender Irrtum.

Dōgen erinnert in diesem Sinne an den großen chinesischen Meister Sozan, der von seinem eigenen Erlernen der Wahrheit sagt, dass es sich zunächst nur an der Peripherie der buddhistischen Wahrheit bewegt habe und erst später über alle Vorstellungen der buddhistischen Lehre und Begriffe vom Geist hinausgegangen sei.

Damit seien die vorherigen Erwartungen über die große buddhistische Wahrheit gegenstandslos geworden und „zerbrochen“:

Das ist der Durchbruch zur erlebten Wirklichkeit und Wahrheit.


Donnerstag, 4. September 2014

Unser Geist hat die Kraft, die Wahrheit aus sich selbst zu erlernen



Es ist wirklich nicht sinnvoll, spirituelle und künstlerische Lebensbereiche nach Maß, Zahl und Gewicht allein anzugehen, und es ist nicht besonders erhellend zu fragen, was das Innere und was das Äußere sei. Wenn wir uns zum Beispiel eine aus Marmor geschaffene Figur von Michelangelo anschauen, so ist die Frage nach der Größe und dem Gewicht wirklich nicht relevant. Genauso wenig interessiert es, wie der Stein im Inneren beschaffen sein mag. Der Künstler hat nämlich aus dem materiellen Stein etwas Lebendiges geschaffen, das uns als Wirklichkeit erfasst und zu uns redet, wenn wir uns ihm öffnen. Das ist wichtig!

„Wir sollten (die Sonne, den Mond usw.) nicht als etwas sehen, das erscheint oder verschwindet.“

Das wäre nämlich nur gedacht oder vermutet. Da die Klarheit des balancierten Geistes im gegenwärtigen Augenblick wirksam ist, kommt der Frage nach dem Erscheinen und Vergehen vor und nach diesem Augenblick keine große Bedeutung zu. Im Allgemeinen denken wir nämlich, dass im Augenblick der Geburt etwas bisher nicht Vorhandenes hinzugefügt wird und dass beim Tod etwas Wesentliches fortgenommen wird. Aber solche Fragen sind meines Erachtens für den Zustand des Gleichgewichts genau im Augenblick von untergeordneter Bedeutung, und sie sind auch für diesen ganz kurzen Moment gar nicht zu beantworten. Dōgen erklärt entsprechend dazu:

„Die Vergangenheit war einfach ein Augenblick des Geistes, und die Gegenwart ist dann ein zweiter Augenblick des Geistes.“

Die wirkliche Vielfalt der Dinge und Phänomene wird erst durch den Augenblick des Geistes im Gleichgewicht erfahrbar. Dies halte ich für eine zentrale Aussage im Zen, und sie ist eigentlich ganz einfach.

Dōgen bezieht die Berge, Flüsse, die Erde usw. in einen solchen gegenwärtigen Augenblick des Geistes ein und sagt, dass nur in diesem Augenblick die Berge wirkliche Berge und die Flüsse wirkliche Flüsse sind. Die Überwindung der üblichen Dualität des gewöhnliches Geistes führt uns zur Wahrheit der Erleuchtung und zu den wahren Bergen, Flüssen usw. Eine solche Wirklichkeit der Natur geht über Begriffe wie Existenz oder Nicht-Existenz hinaus.

Auch andere Vorstellungen und Begriffe wie klein und groß, erlangen oder nicht erlangen, erkennen oder nicht erkennen, können den Zustand des Gleichgewichts im Augenblick nicht angemessen beschreiben. Letztlich ist dieser Zustand sogar jenseits dessen, was wir mit den Begriffen und der Vorstellung von Verwirklichung oder Nicht-Verwirklichung überhaupt beschreiben können.

„Wir sollten ganz darauf vertrauen, dass die Worte‚ der Geist lernt die Wahrheit‘ (seine Eigenschaft) bezeichnet, dass der so beschriebene Geist durch sich selbst die Fähigkeit des Erlernens der Wahrheit erwirbt. Dieses Vertrauen ist selbst jenseits von groß und klein, Existenz und Nicht-Existenz.“

Damit erklärt Dōgen, dass der Geist aus sich selbst heraus immer mehr lernt, die Wahrheit zu erlangen. Das heißt, diese Fähigkeit findet er durch sich selbst und nicht durch jemand anderes. Den Wahrheitsgeist muss also jeder aus sich selbst entwickeln.
Heute würden wir sagen, es handelt sich um einen selbstähnlichen und selbstverstärkenden Realisierungsvorgang – übrigens ein typisches Merkmal für jeden lebenden Prozess und für das Leben selbst. Entscheidend ist dabei, dass man den festen Willen hat, diesen Weg zu gehen.

Vertrauen ist aber nicht Glauben und bedeutet, dass wir zwar vertrauensvoll den Weg beschreiten, aber genau feststellen und erproben, ob er richtig ist und die richtige Wirkung hat. Vertrauen ist im Gegensatz zum Glauben nicht blind für die empirische Überprüfung und Falsifizierung. Beim Glauben wird zu oft die Vernunft ausgeschaltet.

Beim vertrauensvollen Beginn eines Lernprozesses sind dagegen die klare Selbstbeobachtung und Selbstreflexion durch die Vernunft erforderlich, und daraus ergibt sich erst die realitätsnahe Feinsteuerung. Dies sind zweifellos Kernpunkte des Zen-Buddhismus.


Donnerstag, 28. August 2014

Der erdhafte Schatz des Menschen


Wann sind die Wasser wirkliche Wasser, und wann sind die Berge wirkliche Berge? Das hört sich recht einfach an. Ist es aber wirklich so einfach? Und was sagt Dōgen?

Wenn wir in Ideen, Überlegungen, Erinnerungen und Illusionen versunken sind, haben wir keinen direkten Zugang zur Natur in ihrer ganzen überwältigenden Vielfalt – daran erinnert uns Dōgen immer wieder. Auch müssen wir genau die Begriffe „Berg“ und „Wasser“ von der deren Wirklichkeit unterscheiden. Es gibt dabei eine Vielfalt von Bergen, zum Beispiel spitze, pyramidenartige Berge, wie in den Alpen das Matterhorn, oder Tafelberge, die in China häufiger vorkommen. Diese jeweils sehr konkreten Berge sind hier gemeint, und Dōgen fordert uns auf, nicht in allgemeine Abstraktionen und Vorstellungen abzuschweifen.

Es geht sowohl um die Form und materielle Sicht der Berge in der Natur und als auch um immaterielle, aber sehr konkrete psychische Realitäten: Wenn wir zum Beispiel ein Hindernis, also einen „emotionalen Berg“, überwinden und dann in ein „schönes Tal der Freiheit“ gelangen. Dōgen bezieht die in den indischen Mythen genannten Berge und Seen mit ein, will sie aber so verstanden wissen, dass es sich um konkrete, spirituelle Wirklichkeiten handelt und nicht um seelenlos angelerntes Wissen oder spirituelle Illusionen und Träumereien.

Mit der Erde ist hier nicht nur der Erdboden gemeint, sondern es werden auch Felsen und felsige Hochebenen einbezogen. Dōgen geht hier ganz konkret vor und erwähnt ausdrücklich auch Blumenerde in einer Pflanzschale oder in einem aufgehängten Topf. Die Lotospflanzen werden zum Beispiel in Japan in großen Tonkübeln gehalten, die eine geeignete Erdschicht für die Wurzeln aufnehmen und mit Wasser gefüllt sind.

Dōgen verwendet für die Erde den japanischen Begriff chi, den man auch als Adjektiv mit „erdhaft“ übersetzen kann. Er sagt, dass auch ein mentaler oder psychischer Zustand in diesem Sinne erdhaft und fundiert sein kann; er ist dann der Ort eines wertvollen „Schatzes“. „Erdhaft“ hat im Japanischen also eine vielfältige Bedeutung, etwa im Sinne von „fest“, „solide“, „vertrauenswürdig“ und auch „wertvoll“.
Außerdem ist die subjektive Sichtweise der Menschen unterschiedlich. Zum Beispiel werden die Sonne, der Mond und die Sterne sehr verschiedenartig wahrgenommen. Können wir daher überhaupt abstrakt von der Sonne, dem Mond und den Sternen reden? Damit leitet Dōgen zur Frage des einen Geistes der Wahrheit über und fügt einen erstaunlichen Satz hinzu:

„Obgleich diese (Vielfalt) so ist, ist das, was durch den Geist der Einheit gesehen wird, selbst einheitlich.“

Dies scheint ein Widerspruch und eine Paradoxie zu sein, die angeblich so typisch für den Zen ist. Was ist gemeint? Meine Erklärung lautet: Erst durch den balancierten Geist, also durch den Zustand im Gleichgewicht, der auch als ganzer, ungeteilter und konzentrierter Geist bezeichnet wird, ist es überhaupt möglich, die wirkliche Vielfalt dieser Welt insgesamt und umfassend zu erkennen.

So ist die Vielfalt der Dinge und Phänomene erst durch den ungeteilten Geist des Gleichgewichts und Mittleren Weges überhaupt zu sehen. Auf diese Weise kann die scheinbare Paradoxie von Einheit und Vielfalt relativ einfach erklärt werden und ist keinesfalls ein der Vernunft unzugängliches Rätsel. Dōgen fordert uns immer wieder auf, Fragen zu stellen und uns selbst Antworten zu erarbeiten. Auch Martin Heidegger sagt: Philosophie ist nicht Wissen sondern Denken.

Die Vielfalt der Natur kann aus materialistischer Sicht allerdings nur eingeengt und oft eindimensional verstanden werden. Dies entspricht der naturwissenschaftlichen Forschung und Sichtweise. Auch dafür sind allerdings ein klarer Verstand, saubere Methoden und ein genaues Unterscheidungsvermögen notwendig.

Wenn ein Mensch jedoch darüber hinaus in der Einheit des Gleichgewichtsgeistes die Vielfalt und Schönheit dieser Welt wahrnimmt, gewinnt er eine neue Dimension und Tiefenschärfe der Welt und von sich selbst. Diese Dimension geht über die materielle Sicht weit hinaus. Wir können sie mit der Sichtweise eines Künstlers vergleichen, der dem Materiellen einen neuen Geist und eine neue Spiritualität verleihen kann. Etwas vereinfacht möchte ich diesen Zusammenhang so formulieren:

Durch das Gleichgewicht des Körper-und-Geistes im Sinne des Zen-Buddhismus ist es erst wirklich möglich, die verschiedenen Sichtweisen der Menschen zu verstehen und gleichzeitig die Vielfalt der Dinge und Phänomene in der Welt zu erfassen.