Sonntag, 16. Februar 2014

Der wahre, große Geist


Dass der Geist mit dem üblichen Denken nicht erfasst werden kann, ist eine zentrale Aussage aller Buddhas und Vorfahren im Dharma, welche die höchste Lebensphilosophie des Erwachens (Sanskrit: anuttara-samyak-sambodhi) verwirklicht haben. Damit wird laut Dōgen der wahre, große Geist von den gewöhnlichen unklaren Ideen und Gedanken unterschieden, denn er hat eine umfassende Bedeutung, die über die Tätigkeit des nur denkenden Gehirns und des einfachen Bewusstseins hinausgeht.

Ein solches umfassendes Verständnis von Geist wird bei Dōgen genauer untersucht. Zum Geist gehören auch die Berge, Flüsse, Seen und das ganze Universum: das ist das gemeinsame Entstehen und das gemeinsame Sein. Es mag einem westlich geschulten Philosophen recht eigenartig erscheinen, weil er den Dualismus als methodische Grundlage der Philosophie annimmt. Aber für mich kommt darin ein Kernpunkt des Buddhismus, der genau die lebendige gemeinsame Wirklichkeit unseres Lebens trifft, präzise zum Ausdruck.

Eine dualistische Trennung zwischen dem Geist des denkenden Subjekts, das nur Ideen denkt und Wahrnehmungsinformationen aus der Umwelt verarbeitet, und der umfassenden lebensvollen Wirklichkeit ist damit überwunden. Diese Überwindung kennzeichnet den höchsten Zustand des Menschen, den Nishijima Roshi als vierte Lebensphilosophie bezeichnet. Gedanken und Ideen sowie die Wahrnehmung von Sinneseindrücken und deren Verarbeitung, aber vor allem das Handeln mit Menschen und Sachen im Augenblick dürfen nicht vom Geist getrennt werden, sondern bilden mit dem Körper eine umfassende, nicht-dualistische Gesamtheit. Das ist der Zen-Geist des Shōbōgenzō.

Dōgen behandelt in diesem Kapitel fast nüchtern, dass ein solcher Geist nur mit dem üblichen Denken und der unterscheidenden Wahrnehmung nicht erfasst werden kann, dass er also unfassbar ist. Der Geist besitzt eine unendliche Komplexität, und es ist völlig aussichtslos, ihn mit naturwissenschaftlichen Methoden, zum Beispiel der Gehirnforschung, vollständig ausloten zu wollen. Aber der Geist ist keine Fata Morgana, sondern Wirklichkeit, er kann zu großer Klarheit gelangen. Dōgen zitiert aus dem Diamant-Sūtra:

„Der vergangene Geist kann nicht erfasst werden, der gegenwärtige Geist kann nicht erfasst werden, und der zukünftige Geist kann nicht erfasst werden.“

Diese zentralen Aussagen sind aus seiner Sicht die Buddhas und die großen Meister selbst. Wie es heißt, erfuhr Hui Neng (Daikan Enō) die große Klarheit und beschloss Buddhismus zu erlernen, als er diesen Satz auf einem Marktplatz hörte. Die Buddhas hätten diesen wichtigen Satz bewahrt und darauf vertraut, dass die dreifache Welt des Geistes, also die Wirklichkeit, nicht erfasst werden kann. Genauso hätten sie darauf vertraut, dass der Geist der Dharmas, also der vielfältigen konkreten Dinge und Phänomene, nicht zu erfassen sei.


Dieses Bewahren ist nach Dōgen nur im lebendigen Strom der Übertragung in den authentischen buddhistischen Linien möglich. Allein aus theoretischen Schriften, also durch das Lesen von Büchern oder auch das Hören von Dharma-Vorträgen, könne man den Buddhismus nicht verwirklichen, sondern er müsse von einem lebenden Meister von Angesicht zu Angesicht, also von der Ganzheit des überindividuellen Selbst eines Meisters zum anderen, weitergegeben werden.

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