Montag, 31. März 2014

Kann man den Geist der anderen erkennen?


Dōgen untersucht die zu seiner Zeit intensiv diskutierte Frage, ob ein Erwachter den Geist anderer Menschen erkennen kann. Dabei bearbeitet er die Geschichte von Zen-Meister Daisho, der damals in China sehr bekannt war und ehrenvoll „Landesmeister“ genannt wurde. Er galt als besonders unabhängig von den Machtstrukturen der damaligen Zeit und hatte nicht zuletzt deswegen den Ruf, immer die Wahrheit offen und klar zu äußern und keine gefälligen Schmeicheleien oder wohlfeile Urteile abzugeben. Dies mag sicher auch ein wichtiger Beweggrund für den damaligen Kaiser gewesen sein, Daisho darum zu bitten, sich mit dem indischen Gelehrten Sanzō zu treffen, um sich ein Bild von ihm zu machen. Sanzō hatte nämlich bei seiner Ankunft in China vollmundig erklärt: „Ich habe das Auge erlangt, das den Geist der anderen erkennt.

Beim Zusammentreffen mit Daisho machte der Inder eine Niederwerfung, und der Meister fragte ihn:
Hast du die Kraft erlangt, den Geist des anderen zu erkennen? Sanzō bestätigte dies, allerdings in indirekter, höflich verbrämter Form, wie es damals in China üblich war.

Meister Daisho freute sich auf ein gutes Dharma-Gespräch mit dem indischen Buddhisten und stellte dem Gelehrten zunächst die scheinbar ganz einfache Frage nach der Örtlichkeit. Dies sollte der Beginn eines tiefer gehenden Dialoges über den Geist sein, bei dem Meister Daisho herausfinden wollte, ob und wie weit der Inder den Geist des Meisters erkennen oder in ihm lesen könnte:

„Sag mir, wo ich, (dieser) alte Mönch, jetzt bin?“

Der indische Gelehrte schilderte daraufhin eine fantasievolle Szene, in der sich der Meister angeblich befinden sollte. Dabei schmeichelte er dem Meister, offensichtlich um sich beliebt zu machen. Da dieser mit der Antwort des Inders jedoch überhaupt nicht zufrieden war, wiederholte er seine Frage, erhielt darauf aber eine ähnliche, weitschweifige Antwort. Der große Meister Daisho war von dem bisherigen Dialog tief enttäuscht. Daher stellte er seine Frage noch ein drittes Mal, bekam dann aber überhaupt keine Antwort mehr.

Der indische Gelehrte war offensichtlich verwirrt und völlig überfordert. Ein tiefgehendes Gespräch über die wechselseitigen geistigen Fähigkeiten in der buddhistischen Interaktion zweier klarer Meister war nicht möglich. Dazu bedarf es einer fundierten Klarheit über den Menschen und sein wahres Wesen, der Buddha-Natur, die sich im Handeln verwirklicht. Nur dann ist eine intuitive weit angelegte Verständigung zweier Menschen möglich, die über den Austausch oder das Erahnen simpler Fakten hinausgeht. Wer nicht tief erfahren hat, dass es die Wirklichkeit des Geistes gibt, der aber nicht erfasst werden kann, ist nicht in der Lage, einen sinnvollen Dialog mit einem großen Zen-Meister zu führen. Der indische Gelehrte musste daher scheitern.

Daisho kritisierte ihn scharf im Hinblick auf seine behaupteten Fähigkeiten:
„Du Geist eines wilden Fuchses, wo ist deine Fähigkeit, den Geist anderer zu erkennen?“


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