Dienstag, 13. Mai 2014

Materielle Abbildungen im Gehirn sind nicht der Zen-Geist


Zu dem Gespräch zwischen Zen-Meister Daisho und dem indischen Gelehrten Sanzō über die Frage, ob der Inder den Geist des Meisters erkennen könne, zitiert Dōgen fünf berühmte Aussprüche alter Meister. Diese Zitate beleuchten verschiedene Aspekte des Kōan-Gesprächs zwischen Daisho und Sanzō, aber sie sind nicht einfach zu verstehen und sollen hier nicht im Einzelnen wiedergegeben werden.

Klar ist, dass der indische Gelehrte Sanzō von den alten Zen-Meistern mit unterschiedlichen Argumenten kritisiert wird. Auf der Grundlage dieser überlieferten Äußerungen entwickelt Dōgen dann seine eigene Kritik, die tatsächlich umfangreicher und fundierter ausfällt als die der zitierten Meister. Allerdings lobt er diese an anderen Stellen im Shōbōgenzō ausdrücklich und schätzt sie als buddhistische Meister sehr. Das gilt vor allem für Jōshū, Kyōzan und Gensa. Er gibt zu bedenken:

„Diese fünf verehrten Vorfahren im Dharma sind alle präzise, aber es gibt wichtige Dimensionen, die sie beim Verhalten des Landesmeisters (Daisho) nicht erfasst haben, indem sie Sanzōs Versagen nur beim dritten Mal (als er gar nicht antwortete) diskutieren. Sie scheinen zuzugestehen, dass (Sanzō) die beiden ersten Male (den Geist Daishos richtig) erkannt hat.“

Der Landesmeister Daisho hatte ja den Auftrag, den indischen Gelehrten Sanzō auf die Probe zu stellen, ob dieser wie er von sich behauptete, den Geist anderer Menschen erkennen könne. In dieser Absicht stellte er ihm die Frage:

Sag mir, wo dieser alte Mönch genau jetzt ist.“

Genau betrachtet zielt diese Frage nicht direkt darauf ab, ob Sanzō den Geist des Meisters kennen kann, sondern Daisho fragt „nur“ danach, an welchem umfassend verstandenem Ort er genau zum jetzigen Zeitpunkt sei. Es geht also gar nicht nur darum, den Geist oder zumindest die Gedanken des Meisters oder eines anderen Menschen zu lesen. Dōgen sagt dazu:

„Die Absicht, die (hier) ausgedrückt wird, besteht darin, festzustellen, ob Sanzō überhaupt den Buddha-Dharma kennt oder nicht.“

Wäre dies der Fall, so würde der Inder die Frage des Meisters nach der großen Buddha-Lehre untersuchen und zum Beispiel fragen:

„Bin ich an diesem Ort, bin ich an jenem Ort, bin ich im höchsten Zustand des Bodhi, bin ich im prajna-paramita, bin ich schwebend im Raum, stehe ich auf der Erde, bin ich in einer Strohhütte, bin ich am Ort des Schatzes?“

Alle diese möglichen und zentralen buddhistischen Fragen müsste Sanzō aus dem Verständnis und der Erfahrung des Buddha-Dharma erkennen und beantworten, wenn er mit seiner Behauptung, den Geist anderer lesen zu können, den umfassenden Buddha-Geist meinen würde, also nicht nur einzelne Gedanken oder Bilder, die vielleicht im Gehirn des anderen auftauchen. Ein solcher Geist ist immer die Einheit von Körper-und-Geist. Durch seine Antwort lässt Sanzō jedoch erkennen, dass er viel vordergründiger und nur materiell-räumlich denkt. Er kann also die eigentliche Absicht der scheinbar einfachen Frage Meister Daishos nicht erfassen, und deshalb „bietet er sinnlos Sichtweisen und Meinungen des gewöhnlichen Menschen der zwei Fahrzeuge und Ähnliches an“, wie Dōgen festhält.

Auch als der Meister seine Frage zum zweiten Mal wiederholt, wird Sanzō nicht klar, dass er tiefer in die Absicht und den Sinn eindringen muss, wenn er diese „Prüfung“ bestehen will. Bei der dritten Wiederholung der Frage bleibt der indische Gelehrte sprachlos und ist so verwirrt, dass er nicht antworten kann. Es ist ihm wohl deutlich geworden, dass er nicht in der Lage ist, aus dem Verständnis und der Erfahrung des Buddha-Dharma zu antworten oder gar ein Dharma-Gespräch mit dem großen chinesischen Meister zu führen. Ihm muss klar geworden sein, dass sein Ansehen in China und insbesondere bei diesem Meister und dem Kaiser völlig ruiniert war und dass seine Behauptung, den Geist anderer zu erkennen, als Lüge entlarvt wurde.

Dōgen fasst dann die Kommentare der großen Meister in dem Sinne zusammen, dass diese unterstellten, der Inder Sanzō habe mit seinen beiden ersten Antworten die Frage nach dem Ort, an dem sich der Meister befindet, zufriedenstellend beantwortet. Dies treffe aber nicht zu, denn die Frage des Landesmeisters ist viel umfassender und geht viel tiefer. Die Antworten des Inders seien vordergründig-konkretistisch und hätten keinen Bezug zum wahren Buddha-Dharma. Es geht also um eine grundlegende und umfassende Kritik an dem Gelehrten und nicht nur darum, ihn für sein Schweigen bei der dritten Frage und seine Hilflosigkeit gegenüber der harschen Kritik inkompetent erscheinen zu lassen.


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