Donnerstag, 21. August 2014

Die Berge, die Flüsse, die Erde und die Sonne sind der Geist



„Die Wahrheit ... zu lernen bedeutet, sich ohne Darstellungsdrang die Nasenlöcher eines buddhistischen Meisters zu leihen und durch sie die Luft ausströmen zu lassen. (Ein solches Verhalten) ist der Wegweiser von zehntausend Zeitaltern, die Hufe eines Pferdes oder Esels zu benutzen, um das Siegel der wirklichen Erfahrung zu prägen.“

Mit der Erwähnung der Nasenlöcher der buddhistischen Meister geht Dōgen auf das konkrete Atmen und Leben der Menschen ein. Die Nasenlöcher sind im Zen Symbole für das Leben selbst. Dies wird noch verstärkt, indem er Pferd und Esel einbezieht, die im alten China und Japan den geschäftigen Alltag wesentlich bestimmten. Der Abdruck der Hufe wird hier als Siegel der Wirklichkeit und Erfahrung bezeichnet – eine tiefgründige poetische Formulierung, die den Zen treffend charakterisiert.

Er betont, dass es auf die Gegenwart und den Augenblick gerade beim geistigen Handeln ankommt, wie er es im Kapitel „Die Sein-Zeit der Wirklichkeit im Hier und Jetzt“ in großartiger Weise darlegt. Der Lernvorgang im Geist soll dabei den unterscheidenden Intellekt überschreiten, der die Dualität von Subjekt und Objekt nicht beseitigen kann. Übrigens findet sich ein ähnlicher Ansatz bei Martin Heidegger, der in Japan besonders in Zen-Kreisen von allen westlichen Philosophen am bekanntesten ist:

"Das Bedenklichste in dieser bedenklichen Zeit zeigt sich daran, dass wir noch nicht denken".

Er meint damit ganz besonders die Überwindung der Trennung von Subjekt und Objekt und verwendet dafür oft die Bindestriche zwischen den Worten. Er schätzt das Denken viel höher als das Wissen, die Kluft dazwischen kann nur im Sprung überwunden werden. Das gilt auch für uns: mit buddhistischem Wissen allein, ist es nicht getan, selbst wenn das Wissen in Bezug auf die Quellen korrekt ist (was nicht immer der Fall ist). Denken lebt von Fragen, wer nicht fragt und in Frage stellt, kann nicht in das Denken kommen. So gibt es bei Dōgen kaum ein Kapitel, in dem keine Fragen gestellt werden. Und er beantwortet selbst nur einige davon, die anderen überlässt er uns.

Dōgen hebt hervor, dass man sowohl durch das bewusste Denken als auch durch das Nicht-Denken auf dem Weg der Wahrheit üben soll. Damit meint er zweifellos die Zazen-Praxis, aber auch den ganz normalen Alltag. Die moderne Gehirnforschung bestätigt, dass unser Gehirn, von uns unbemerkt, umfassende Informationen verarbeitet und sie oft erst nach der Bearbeitung bewusst werden lässt, gewissermaßen an das Bewusstsein weiterleitet. Geben wir dem Gehirn eine Chance dazu! Mit Aktionismus und Multi-Tasking kommen wir dabei nicht weiter.

Außerdem ist die Verbindung vom Meister zum Schüler, der später selbst Meister wird, von fundamentaler Wichtigkeit, und Dōgen spricht davon, dass bei dieser Verbindung „der Geist durch den Geist lernt“. Der Geist des zukünftigen Meisters wird von dem des vorherigen im direkten ganzheitlichen Kontakt als Lernprozess erfasst und dreht damit das Dharma-Rad.

Schließlich kommt er auf die Natur zu sprechen:

„Kurz gesagt: Die Berge, die Flüsse, die Erde und die Sonne, der Mond und die Sterne, sie sind der Geist. Aber genau in dem Augenblick, wenn dies so ist: Welcher Zustand wird dabei direkt vor uns verwirklicht?“

Was meint er damit? Diese für einen westlichen Leser sicher überraschenden Aussagen erklären sich aus der Überwindung der Dualität, also der Aufhebung der Trennung von Ich und Welt: Wenn diese eigentlich künstliche Trennung beendet ist, gibt es zwischen uns und der Natur keinen Unterschied. Sie wird dann nicht auf getrennte Objekte reduziert, die unser Verstand vielleicht denkt oder unsere Wahrnehmung angeblich „objektiv“ erkennt. Dōgen hat die Kraft und Reinheit der Natur, die uns unmittelbar die Wahrheit Buddhas lehren kann, in mehreren Kapiteln umfassend beschrieben; sie lehrt uns die große Buddha-Wahrheit.


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