Donnerstag, 7. August 2014

Die Wahrheit mit Körper und Geist erlernen


In diesem komplexen Kapitel des Shōbōgenzō, Shinjin gakudō, sagt Dōgen in aller Klarheit, dass wir nach der buddhistischen Lehre die Wahrheit und Befreiung nur dadurch erlernen können, wenn wir sowohl den Geist als auch den Körper schulen. Das japanische Wort shinjin heißt „Körper und Geist“, und gakudō bedeutet „die Wahrheit zu erlernen“. Daher lautet die wörtliche Übersetzung von shinjin gakudō: „Die Wahrheit mit Körper und Geist zu erlernen“.

Wir müssen uns immer im Klaren darüber sein, dass beide in der Wirklichkeit unauflösbar zusammengehören und eine Einheit bilden. Während in der westlichen Philosophie der Intellekt und Geist meist völlig losgelöst vom Körper des Menschen behandelt werden und im Idealismus, zum Beispiel bei Platon und Hegel, als überlegen gelten, wird eine solche Trennung im Buddhismus als sinnlos und realitätsfremd abgelehnt.

Nishijima und Cross betonen in ihrer Einleitung zu diesem Kapitel, dass viele Menschen glauben, man könne die große Wahrheit erlernen, indem man tiefgründig darüber nachdenkt und reflektiert. Der Buddhismus lehrt aber ganz klar, dass intellektuelles Denken allein unzureichend ist und konkretes Handeln im Hier und Jetzt des Augenblicks hinzukommen muss. Die Wahrheit ist also sowohl durch physisches als auch durch mentales Streben gekennzeichnet, außerdem kann sie nicht von der Ethik getrennt werden.

Wenn Dōgen in diesem Kapitel zunächst den Lernvorgang des Geistes und dann den des Körpers behandelt, geschieht dies lediglich aus didaktischen Gründen, um die jeweiligen Bereiche möglichst klar herausarbeiten zu können.

Zu Beginn seiner Ausführungen geht er darauf ein, wie wichtig es ist, den klaren Entschluss zu fassen, den Buddha-Weg gehen zu wollen. Auch bei den Vier Edlen Wahrheiten und dem Achtfachen Pfad Gautama Buddhas steht am Anfang die eindeutige Entscheidung, diesen Weg zu gehen, um das Leiden zu überwinden. Dōgen bemerkt hierzu:

„Wenn wir nicht beabsichtigen, (die Wahrheit) zu erlernen, entfernt sie sich immer mehr.“

Wir benötigen also den festen Willen und die Absicht, die Wahrheit anzustreben und zu erlernen, weil wir uns sonst im Laufe unseres Lebens immer weiter von ihr entfernen und gewissermaßen ohne Kompass abirren und uns zum Beispiel im Materialismus, Idealismus oder Aktionismus verlieren.

Die Wahrheit anzustreben bedeutet natürlich nicht, dass wir sie allein durch den mentalen Willen erreichen können, sondern dass es ebenso der physischen und geistigen Praxis bedarf, um auf diesem Wege voranzukommen. Ein wesentlicher Teil dieses Wahrheitsweges ist ethisches Denken und Handeln. Hierzu zitiert Dōgen den Zen-Meister Nangaku, einen Dharma-Nachfolger von Meister Daikan Enō:

„Praxis-und-Erfahrung sind nicht nicht-existent (es gibt sie also wirklich), aber sie müssen nicht beschmutzt werden.“

Was will er damit sagen?
Dieses Zitat wird auch im Kapitel „Sich waschen und den Körper-Geist reinigen“ erörtert. Es ist im Zen-Buddhismus ganz berühmt, wird aber nicht immer richtig verstanden. Es bedeutet, dass die Praxis und die Erfahrung der Wahrheit, also die Erleuchtung, immer im selben Augenblick verwirklicht werden, und genau dann sind sie rein und unverschmutzt. Werden sie getrennt, entsteht eine Diskrepanz zwischen der Wahrheit und dem praktischen Handeln, das heißt, das Handeln entfernt sich von der buddhistischen Wahrheit, die immer auch ethisch bestimmt ist.

In der richtigen Zazen-Praxis gibt es diese Einheit, die Nishijima Roshi die erste Erleuchtung nennt. Darin liegt gerade die einzigartige unmittelbare Wirkung dieser Übungspraxis. Nangaku sagt damit, dass es keine reine Praxis und keine reine Erfahrung geben kann, die zeitlich auseinanderfallen.


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