Donnerstag, 4. September 2014

Unser Geist hat die Kraft, die Wahrheit aus sich selbst zu erlernen



Es ist wirklich nicht sinnvoll, spirituelle und künstlerische Lebensbereiche nach Maß, Zahl und Gewicht allein anzugehen, und es ist nicht besonders erhellend zu fragen, was das Innere und was das Äußere sei. Wenn wir uns zum Beispiel eine aus Marmor geschaffene Figur von Michelangelo anschauen, so ist die Frage nach der Größe und dem Gewicht wirklich nicht relevant. Genauso wenig interessiert es, wie der Stein im Inneren beschaffen sein mag. Der Künstler hat nämlich aus dem materiellen Stein etwas Lebendiges geschaffen, das uns als Wirklichkeit erfasst und zu uns redet, wenn wir uns ihm öffnen. Das ist wichtig!

„Wir sollten (die Sonne, den Mond usw.) nicht als etwas sehen, das erscheint oder verschwindet.“

Das wäre nämlich nur gedacht oder vermutet. Da die Klarheit des balancierten Geistes im gegenwärtigen Augenblick wirksam ist, kommt der Frage nach dem Erscheinen und Vergehen vor und nach diesem Augenblick keine große Bedeutung zu. Im Allgemeinen denken wir nämlich, dass im Augenblick der Geburt etwas bisher nicht Vorhandenes hinzugefügt wird und dass beim Tod etwas Wesentliches fortgenommen wird. Aber solche Fragen sind meines Erachtens für den Zustand des Gleichgewichts genau im Augenblick von untergeordneter Bedeutung, und sie sind auch für diesen ganz kurzen Moment gar nicht zu beantworten. Dōgen erklärt entsprechend dazu:

„Die Vergangenheit war einfach ein Augenblick des Geistes, und die Gegenwart ist dann ein zweiter Augenblick des Geistes.“

Die wirkliche Vielfalt der Dinge und Phänomene wird erst durch den Augenblick des Geistes im Gleichgewicht erfahrbar. Dies halte ich für eine zentrale Aussage im Zen, und sie ist eigentlich ganz einfach.

Dōgen bezieht die Berge, Flüsse, die Erde usw. in einen solchen gegenwärtigen Augenblick des Geistes ein und sagt, dass nur in diesem Augenblick die Berge wirkliche Berge und die Flüsse wirkliche Flüsse sind. Die Überwindung der üblichen Dualität des gewöhnliches Geistes führt uns zur Wahrheit der Erleuchtung und zu den wahren Bergen, Flüssen usw. Eine solche Wirklichkeit der Natur geht über Begriffe wie Existenz oder Nicht-Existenz hinaus.

Auch andere Vorstellungen und Begriffe wie klein und groß, erlangen oder nicht erlangen, erkennen oder nicht erkennen, können den Zustand des Gleichgewichts im Augenblick nicht angemessen beschreiben. Letztlich ist dieser Zustand sogar jenseits dessen, was wir mit den Begriffen und der Vorstellung von Verwirklichung oder Nicht-Verwirklichung überhaupt beschreiben können.

„Wir sollten ganz darauf vertrauen, dass die Worte‚ der Geist lernt die Wahrheit‘ (seine Eigenschaft) bezeichnet, dass der so beschriebene Geist durch sich selbst die Fähigkeit des Erlernens der Wahrheit erwirbt. Dieses Vertrauen ist selbst jenseits von groß und klein, Existenz und Nicht-Existenz.“

Damit erklärt Dōgen, dass der Geist aus sich selbst heraus immer mehr lernt, die Wahrheit zu erlangen. Das heißt, diese Fähigkeit findet er durch sich selbst und nicht durch jemand anderes. Den Wahrheitsgeist muss also jeder aus sich selbst entwickeln.
Heute würden wir sagen, es handelt sich um einen selbstähnlichen und selbstverstärkenden Realisierungsvorgang – übrigens ein typisches Merkmal für jeden lebenden Prozess und für das Leben selbst. Entscheidend ist dabei, dass man den festen Willen hat, diesen Weg zu gehen.

Vertrauen ist aber nicht Glauben und bedeutet, dass wir zwar vertrauensvoll den Weg beschreiten, aber genau feststellen und erproben, ob er richtig ist und die richtige Wirkung hat. Vertrauen ist im Gegensatz zum Glauben nicht blind für die empirische Überprüfung und Falsifizierung. Beim Glauben wird zu oft die Vernunft ausgeschaltet.

Beim vertrauensvollen Beginn eines Lernprozesses sind dagegen die klare Selbstbeobachtung und Selbstreflexion durch die Vernunft erforderlich, und daraus ergibt sich erst die realitätsnahe Feinsteuerung. Dies sind zweifellos Kernpunkte des Zen-Buddhismus.


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