Mittwoch, 14. September 2016

Begriffe sind nicht die Wirklichkeit der Buddha-Natur


Die konkrete Wirklichkeit muss radikal von den Begriffen und Gedanken unterschieden werden. Dies gilt nicht zuletzt für den Begriff der Existenz selbst, der allzu leicht in philosophische Abstraktionen abgleitet und damit gerade seine Wirklichkeit verliert.

Totale Existenz sind Buddhas Worte, Buddhas Zunge, sind die Augen der Nachfolger im Dharma und die Nasenlöcher der Flickenmönche.“

Die Nasenlöcher sind ein Symbol für das wirkliche Leben, weil der Atem durch sie ein- und ausströmt; ihm kommt auch in der Meditation seit Buddhas Zeiten eine zentrale Bedeutung zu. Dagegen sind theoretische Begriffe des Buddhismus wie beginnende Existenz, ursprüngliche Existenz oder feine Existenz nicht das Wesentliche der Buddha-Natur. Gleiches gilt für die Begriffe Essenz und Form sowie Geist und Umstände. Solche Begriffe und Ideen müssen erst mit der Wirklichkeit des Hier und Jetzt verschmolzen werden, sonst bleiben sie abstrakt und wenig kraftvoll. Dies ist m. E. auch die zentrale Botschaft Nagarjunas im Mittleren Weg des MMK: Später verwendete buddhistische Begriffe sind häufig das Gegenteil der wahren Bedeutung von Buddhas authentischer Lehre.

Abstraktionen sind ungeeignet, um die Buddha-Natur zu beschreiben, denn sie ist die „totale (konkrete) Existenz“. Sie lässt sich selbstverständlich nicht nach Maß, Zahl oder Gewicht ermessen, sodass Vorstellungen und Begriffe wie groß und klein ebenfalls nicht zutreffend sind. Sogar die Vorstellungen vom „Heiligen“ oder der „Buddha-Natur“ müssen überwunden werden, um zur Wirklichkeit vorzudringen.

Die totale Existenz der Buddha-Natur kann man auch nicht mit Vorstellungen von karmischen Verdiensten oder als Ansammlung von positivem Karma beschreiben. Derartige Theorien hat es gerade im Buddhismus auch gegeben. Die unmittelbare Erfahrung im Gleichgewicht der großen Heiligen und Meister geht nach Dôgen über solche Beschreibungen und Vorstellungen hinaus. Das sogenannte karmische Bewusstsein versetzt den Menschen in Unruhe, es ist dauernd in Bewegung und im Ungleichgewicht: Es lässt den Geist umherwandern und führt vom Augenblick fort.

Karmisches Bewusstsein ist auf das eigene Verdienst ausgerichtet und verlagert die angestrebten Ergebnisse in die Zukunft, zum Beispiel beim Glauben an die Wiedergeburt im zukünftigen nächsten Leben. Das ist kein unmittelbares Handeln im Augenblick, deshalb kann die Buddha-Natur dadurch nicht verwirklicht werden. Sie ist auch nicht das denkende Bewusstsein neben der Wirklichkeit, das im alten China als „zweiter Mensch“ bezeichnet wurde.

Die Buddha-Natur zeichnet sich durch eine umfassende Klarheit der Gegenwart aus, und daher ist „das ganze Universum für einen Erleuchteten nicht verborgen“, erklärt Dôgen. Und er fügt hinzu: „‚Das ganze Universum sei mein Besitz‘ ist die falsche Sichtweise der Menschen außerhalb des Buddha-Weges.“ Im eigentlichen Sinne kann man nur Materielles besitzen, nicht aber die totale Existenz des Universums und die Buddha-Natur. Materialisten überschätzen im Allgemeinen die Bedeutung des materiellen Besitzes bei Weitem, denn auch das Materielle kann letztlich nicht dauerhaft gehalten und besessen werden.

„(Das ganze Universum) durchdringt die ewige Vergangenheit und durchdringt die ewige Gegenwart.“

Die wahre Existenz entsteht auch nicht später neu, zum Beispiel durch das Anhäufen guten Karmas und durch meditative Anstrengung, die eine zukünftige Erleuchtung anstrebt. Zen-Meditation ist sich selbst im Augenblick genug, denn dadurch „empfängt sich das Selbst“.[i]

Dôgen betont das Typische des Alltagshandelns im Zen-Geist und im höchsten Zustand: „Der Alltags-Geist ist die Wahrheit.“[ii] Totale Existenz ist ein Zustand, in dem das Zentrum des Lebens von der Wahrheit durchdrungen wird und in dem wir frei werden. Damit hat Dôgen in einem beeindruckenden großen Bogen ganz wesentliche Kernpunkte der buddhistischen Lehre beschrieben. Er baut dabei auf die fundamentalen Kapitel auf, die er vorher verfasst hatte: „Das Streben nach der Wahrheit (Bendôwa)[iii], „Das verwirklichte Leben und Universum (Genjô-kôan)[iv], „Die Sein-Zeit (Uji)[v], „Der Geist hier und jetzt ist Buddha (Soko shin ze butsu)“[vi], „Erzeugt kein Unrecht und erlangt die Freiheit! (Shoaku makusa)[vii], „Der Geist kann mit dem Verstand nicht erfasst werden (Shin fukatoku)[viii] und „Der ewige Spiegel oder das intuitive Wissen (Kokyô)[ix].






[i] Nishijima, Gudo Wafu; Seggelke, Yudo J.: Die Kraft der ZEN-Meditation. Im Auge des Zen, Bd. 4, S. 35 ff.
[ii] Shinji Shobogenzo, Bd. 1, Nr. 19
[iii] Kap. 1, ZEN Schatzkammer, Bd. 1, S. 26 ff.: „Ein Gespräch über das Streben nach der Wahrheit (Bendōwa)“
[iv] Kap. 3, ZEN Schatzkammer, Bd. 1, S. 43 ff.: „Das verwirklichte Leben und Universum (Genjō-kōan)
[v] Kap. 11, ZEN Schatzkammer Bd. 1, S. 110 ff.: „Die Sein-Zeit der Wirklichkeit im Hier und Jetzt (Uji)
[vi] Kap. 6, ZEN Schatzkammer, Bd. 1, S. 72 ff.: „Der Geist hier und jetzt ist Buddha (Soko shin ze butsu)“
[vii] Kap. 10, ZEN Schatzkammer, Bd. 1, S. 100 ff.: „Erzeugt kein Unrecht und erlangt die Freiheit! (Shoaku makusa)
[viii] Kap. 18 und 19, ZEN Schatzkammer, Bd. 1, S. 161 ff.: „Der Geist kann mit dem Verstand nicht erfasst werden, erste Version (Shin fukatoku)
[ix] Kap. 20, ZEN Schatzkammer, Bd. 1, S. 171 ff.: „Der ewige Spiegel oder das intuitive Wissen (Kokyō)“