Freitag, 9. Dezember 2016

Der tradierte buddhistische WEG: Schlacke oder Leben?


Das Kapitel zum Gehen und Geher des Mittleren WEGes von Nagarjuna (MMK) ist von zentraler Bedeutung aber auch durch z. T. schwierige Deutungen geprägt. Für viele von uns dürfte dieser Text in den heute vorliegenden Fassungen schlicht unverständlich sein: Ist es nur noch die ausgebrannte intellektuelle Schlacke alter buddhistischer Kontroversen? Und wo ist der lebende Funke, der heute zu uns überspringt? Diesen Fragen möchte ich nach nunmehr 16 Jahren Arbeit am MMK nachgehen, die ich überwiegend mit meinem Lehrer Nishijima Roshi zusammen machte. Und ich möchte versuchen, die Kernpunkte dieses wichtigen und tiefgründigen Kapitels möglichst verständlich für Sie zu formulieren.

Es ist in vier Bereiche gegliedert:
Zuerst geht es um den Weg, den wir begehen: also das Begangene. Wir können es als konkreten Weg verstehen, den wir jeden Tag wo auch immer gehen. Wir können es außerdem symbolisch und gleichnishaft als buddhistischen Weg begreifen, wie Buddhas Achtfachen Pfad und den Mittleren WEG. Nagarjuna beschreibt und untersucht hier, wie und auf welche Weise solche Wege von uns tatsächlich begangen werden können und sollten und wann sie Fiktion sind.

Er sagt klar, dass wir nur in der Gegenwart wirklich gehen und der Weg wirklich begangen wird, denn in der Vergangenheit und Zukunft gibt es unser Gehen nur in unserem Gehirn als Vorstellung, Erinnerung oder Erwartung. Ein solcher gedachter buddhistischer Weg ist aber nicht die Wirklichkeit hier und jetzt als Handeln und Leben. Wenn der WEG als Doktrin verschlackt ist, kommen wir auf ihm leider überhaupt nicht voran, denn er kann nicht wirklich begangen werden! Es mag sein, dass wir aufgrund der Lehren des Befreiungs-Weges in unserem Gehirn eine feste Vorstellung von ihm haben. Und wenn wir den WEG nicht konkret begehen und erfahren, gibt es nach Nagarjuna sogar zwei begangene Wege: den wirklichen und den nur erdachten und theoretisch erlernten. Beide weichen zwangläufig voneinander ab.

Im zweiten Teil untersucht der Autor, wer eigentlich auf dem Weg geht. Er fragt uns, ob wir wirklich von einem Geher sprechen können, wenn der „Geher“ gerade steht, sitzt oder liegt. Ist er immer ein Geher bis an sein Lebensende oder vielleicht sogar ein ewiger Geher? Und war er schon immer als Wesens-Kern ein Geher, vielleicht sogar bevor er laufen lernte? Das wäre allerdings weltfremde Metaphysik. Und weiter: Wenn ein Lügner nicht lügt, ist er dann auch ein Lügner? Buddha beschreibt einen furchtbaren Mörder, der dann in die Sangha eintrat und Erleuchtung erlangte. War er dann noch ein Mörder oder viel mehr ein Erleuchteter oder sogar beides? Und wenn er wieder aus der Erleuchtung zurückfällt, ist er dann immer noch ein Erleuchteter?

Wir sehen an diesen Beispielen, dass die Sprache und ungenaue Doktrinen oft falsche Fakten behaupten und unsere Veränderungen und Emanzipations-Prozesse ungenau oder sogar fehlerhaft beschreiben. Das Gegenteil gilt für den Augenblick der Gegenwart mit unseren vernetzten Lebens-Prozessen. Beim buddhistischen Weg geht es gerade um den Prozess der Überwindung des Leidens durch das von uns selbst gesteuerte Training von Körper und Geist: Das sind vernetzte Wechsel-Wirkungen und keine Fiktionen.

Nagarjuna beweist in logischer Präzision, dass es durch ein erstarrtes buddhistischen Denken und Reden beim Gehen zwei Geher geben müsste, einen wirklichen und einen in unserem Gehirn vorgestellten. Es müsste daher zusammen mit den obigen beiden Gehern des begangenem Weges sogar insgesamt drei Geher geben, zwei fiktive und doktrinär erdachte und einen wirklichen. Aber das ist natürlich totaler Unsinn. Denn die Wirklichkeit des gehenden Menschen ist nicht mehrfach dualistisch gespalten, sondern eine Ganzheit: Ein Mensch geht auf dem Weg.

Im dritten Teil beweist der Autor scharfsinnig, dass es beim Gehen auf einem Weg keinen Anfang und kein Ende geben müsste, wenn man den lebenden vernetzten Prozess des gehenden Menschen nicht ganzheitlich versteht und sich an Worte, Theorien und Logiken klammert. Dann wären Weg und Gehen dauerhafte unveränderlich Entitäten oder Substanzen eben ohne Anfang und Ende. Das ist natürlich falsch, da alles in unserer Welt letztlich veränderlich ist, wenn wir die Wirklichkeit unverstellt und direkt erfahren und beobachten. Wenn also ein Mensch selbstverständlich und weitgehend automatisch schlendert, wandert oder eilt, und wir sehen, wann er beginnt und wann er aufhört zu gehen. Aber wie viele Menschen gehen wirklich achtsam und locker und sind nicht durch Gedanken, Grübeln und Gefühle irgendwo weit weg vom Hier und Jetzt? Wir können auch achtsam-entspannt gehen und kommen so zur Ruhe. In der modernen hektischen Welt finden wir nicht viele solcher Menschen, die ihre Mitte verwirklicht haben, was eigentlich gar nicht so schwierig ist. Am besten also: Ruhe in der Bewegung und Bewegung in der Ruhe.

Im vierten Teil geht es um den gesamten Zusammenhang vom begangenen Weg, dem Gehen als Handeln und dem gehenden Menschen. Wenn wir dabei ein nur gedachtes Weltbild von verschlackten buddhistischen Doktrinen haben, kommen wir unweigerlich in die Sackgasse: Das ist nicht der buddhistische Weg der Befreiung, Kreativität und Lebensfreude im Augenblick. Nagarjuna stellt schlicht fest: So können wir keinen Gang, keinen begangenen Weg und keinen Geher finden. Das klingt paradox, ist es aber nicht: Er meint die unwirkliche Welt der Einbildungen, Theorien und Doktrinen in unseren isolierten Gehirnen. Man kann sich viele unwirkliche Schein-Welten ausdenken und an sie glauben.

Buddha und Nagarjuna verstehen die Wirklichkeit der Welt daher als „gemeinsames wechsel-wirkendes Entstehen“ ohne Extreme, ein Entstehen, das von uns selbst beeinflussbar und steuerbar ist. Wenn wir den buddhistischen WEG so verstehen und praktizieren, kann man zwischen dem Passiv des begangenen Weges und dem Aktiv des gehenden Menschen nicht mehr sinnvoll unterscheiden, wie es uns Sprache und Meinungen vielleicht suggerieren. Das direkte Handeln übersteigt die Theorie, die Sprache, sowie Aktiv und Passiv. Es kommt genau auf den Augenblick unseres achtsamen unverstellten Handelns an. Eine solche Wirklichkeit ist eine lebendige Ganzheit auf dem Achtfachen Pfad und dem Mittleren WEG.

Und wenn wir dies ungeteilt und ohne Ablenkung erfahren, erfüllt es uns mit Freude, Klarheit und befreit uns vom Stress. Diese Tatsache hat auch die heutige Gehirnforschung eindeutig nachgewiesen. Buddha, Nagarjuna und Zen-Meister Dôgen wussten es schon deutlich früher.


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