Montag, 20. Februar 2017

Die sieben Glieder des Erwachens


Bevor Buddha die Vier Edlen Wahrheiten zur Überwindung des Leidens und zum Erlangen des Erwachens also der Erleuchtung behandelt, gibt er einen Überblick über die wichtigen sieben Glieder des Erwachens. Hier wird das Befreiungsziel des Buddhismus klar aufgezeigt und in den wesentlichen Eckpunkten kurz beschrieben. Im vorherigen Kapitel des sutta wurden die wichtigen Wahrnehmungsfelder von Sehen, Hören, Tasten usw. behandelt, die zentrale Realitäts-Grundlage zum Erwachen sind. Darauf wird im ZEN ganz klar hingewiesen: Abstrakte Träume in Selbstbespiegelung bringen dabei wenig- oder jetzt im Frühling "Die Pflaumenblüten sind die Augen Gautamas."

Welche Bereiche des Erwachens führt Buddha nun im sutta an?
Es ist aufschlussreich, dass er zunächst die Achtsamkeit selbst nennt, die für das Erwachen entscheidend sei:
 „Da erkennt ihr Mönche, einen Mönch, wenn in ihm das Glied des Erwachens ´Achtsamkeit´ da ist: In mir ist das Glied des Erwachens Achtsamkeit da.

Die Umkehrung wird wie genannt, wenn also die Achtsamkeit nicht da ist. Es wird fortgeführt, wie wir erkennen, dass das noch „unentstandene Glied des Erwachens ´Achtsamkeit´ entsteht.“ Schließlich heißt es, dass diese Achtsamkeit als Teil des Erwachens „sich völlig entfaltet, auch das erkennt er“.

Diese so beschriebene Achtsamkeit wird im Zen-Buddhismus meines Erachtens mit dem Ansatz der Klarheit des Augenblicks und der vollen Präsenz in der Gegenwart weiter ausgearbeitet und nicht zuletzt mit dem klaren Handeln verbunden. Dadurch ergibt sich eine stimmige Lehre der Theorie und Praxis des Handelns im Augenblick bei voller Achtsamkeit, die von Dôgen an uns übermittelt wurde. Im MMK hat Nâgârjuna zudem deutliche Fehlinterpretationen mit erstaunlicher Präzision beschrieben und aus meiner Sicht dadurch schon die Aussagen Dôgens, die etwa eintausend Jahre später entstanden, sichtbar gemacht. Nagarjuna hat so zentrale Grundlagen für die weitere Entwicklung im Buddhismus geschaffen und die Notwendigkeit von Entwicklungsprozessen und der Emanzipation des Menschen radikal betont.

Buddha führt dann die Unterscheidung als wesentlich ein. Dies ist besonders beachtlich, da es manche buddhistische Linien und Traditionen gibt, die der genauen und gründlichen Unterscheidung der Dinge, Phänomene und Prozesse, der Dharmas, nur eine geringe Bedeutung zuordnen. Manchmal werden derartige Unterscheidungen sogar marginalisiert, um die angebliche alleinige Ganzheitlichkeit der buddhistischen Lehre zu unterstreichen. Dies scheint mir eine unzureichende Vereinfachung, denn zweifellos sind präzise einzelne Unterscheidungen zum Beispiel bei der sinnlichen Wahrnehmung, bei der psychischen Selbstanalyse und den Gefühlen von großer Bedeutung und lassen sich nicht wegdiskutieren. Es kommt also darauf an, die

ganzheitliche Sicht einerseits und die präzise Unterscheidung im Detail andererseits auf dem Weg der Befreiung zu üben, zu trainieren und weiter zu entwickeln. Nur diese Verbindung bringt uns weiter.

Buddha fährt dann in pädagogisch geschickten Weise fort: „In mir ist das Glied des Erwachens ´Unterscheidung der Gegebenheiten ´ da“. Wir sollten uns darin klar sein, wann diese Unterscheidung nicht da ist und wie das „unentstandene Glied des Erwachens ´Unterscheidung der Gegebenheiten´ entsteht.“ Er wiederholt dann die wichtige Aussage, dass dieses Glied voll entfaltet werden solle und dass man dies genau erkennt.

Im Folgenden werden die verschiedenen Glieder des Erwachens aufgezählt. Zunächst die Energie. Das heißt nichts anderes, als dass ein erwachter Mensch Energie zum Handeln und zu geistigen Tätigkeiten durch Achtsamkeit selbst entwickelt und entfaltet. Wenn sich Manche keine eigene Energie entfalten, werden sie Erleuchtung leider nicht erlangen. Es geht auch nicht um „geschenkte“ Energie, z. B. aus dem Kosmos, sondern um die Entfaltung der je eigenen Energie.

Für mich ist das nächste Glied des Erwachens besonders wichtig, die Freude. Sie wird in gleicher Weise wie die vorherigen Glieder behandelt. Es ist also unsinnig zu behaupten, dass wir durch Leiden das Erwachen erlangen. Im Gegenteil, die erforderlichen wichtigen und tiefgründigen Lern-Prozesse zur Befreiung sind ganz wesentlich durch Freude gekennzeichnet sind. Dies stimmt mit der heutigen Gehirnforschung voll überein: maßgebliche Lernprozesse erfordern Freude und keine Freudlosigkeit. 

Glück und Freude sind auch evolutionsgeschichtlich mit wichtigen positiven Lernprozessen verbunden. Nicht zuletzt sind deswegen künstlich erzeugte Glückszustände durch Drogen eine Fehlentwicklung, da sie von den abhängigen Menschen als Genuss-Zustand ersehnt werden, bei dem es nicht um Lernen und Befreiung geht. Dies widerspricht der Evolution und Weiterentwicklung vollkommen und führt in die Sackgasse menschlicher Verzweiflung.
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Als nächstes wird die Gestilltheit als Teil des Erwachens aufgeführt. Buddha behandelt dieses Glied in seiner pädagogisch geschickten Art und Weise und spricht davon, dass dieses Glied des Erwachens voll entfaltet wird.

Von großer Bedeutung im Buddhismus ist die meditative Vertiefung, die meistens als Sammlung oder Zazen bezeichnet wird. Beim Achtfachen Pfad ist dieser Bereich der Sammlung das achte Glied. Man kann sie als Vollendung der acht Bereiche auf dem Weg der Befreiung ansehen. Sammlung ist das Gegenteil von Zerstreutheit, und Fragmentierung der Gedanken und Gefühlen. Dass selbe gilt für oberflächliches Multitasking, das unserem natürlichen Geist grundsätzlich fremd ist, oder um es klarer auszudrücken, das von unserem Geist überhaupt nicht geleistet werden kann.


Als siebtes Glied wird die Gleichmut genannt. Ihre Semantik leitet sich nicht von Begriff des Mutes ab sondern des Gemütes. Es geht also nicht darum, besonderen Mut für die Gleichmut aufzubringen, sondern es geht im Gegenteil um das Gleichgewicht unseres Gemütes also unsere Gestimmtheit und unseres geistig-psychischen Zustandes
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Die wirkungsvolle Vorgehensweise ist wiederum, dass wir die Achtsamkeit innen, außen und sowohl innen und außen haben, vertiefen und üben. Gleiches gilt für das Entstehen und Vergehen von Gleichmut.


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