Freitag, 17. März 2017

Frage der Buddha-Natur an uns?


Was fragt Dôgen, um den zentralen Punkt der Buddha-Natur – des Zustandes und Handelns ohne Täuschungen – vertieft zu klären: In welchem Augenblick sind wir ohne Täuschungen? Haben wir bereits am Anfang unseres buddhistischen Lebens den Zustand ohne Täuschungen, Übertreibungen und ohne einengende Fixierungen, oder ist dies der Zustand nach dem Erlangen der Wahrheit, also nach der Erleuchtung?

Dieser im Zen-Buddhismus häufig mithilfe des Wortes „ohne“ beschriebene Zustand verwirklicht sich nach Dôgen im Augenblick des Samâdhi, also des Zazen. Wenn die Buddha-Natur Mensch wird, zum Beispiel Gautama Buddha, hat dieser den Zustand ohne Täuschungen, Anhaftungen und Fixierungen. Gleichzeitig ist er frei vom Begriff und der Vorstellung von der Buddha-Natur, denn sie haben ihre isolierte Bedeutung in der Wirklichkeit des Augenblicks verloren.

Die Wirklichkeit der Buddha-Natur sei identisch mit den Pfeilern der Tempel, und
„wir sollten uns von diesen äußeren Pfeilern nach der (Buddha-Natur) fragen lassen, und wir sollten die äußeren Pfeiler fragen“,
sagt Dôgen. Ich interpretiere dies so, dass wir uns ganz für die Dinge und Phänomene der Umgebung – in diesem Fall die einzelnen Teile der Klöster – öffnen und sie auf uns einwirken lassen sollen, indem wir die Grenzen von Subjekt und Objekt fallen lassen. In diesem Sinne bringen wir dann zum Beispiel die Pfeiler der Tempel dazu, dass sie uns nach unserer wahren Natur fragen.

„Wir sollten bewirken, dass die Buddha-Natur diese Frage stellt“,

fügt Dôgen hinzu. Das heißt, dass die Wirklichkeit selbst uns befragt und wir uns zum Beispiel unserer Täuschungen und Fixierungen bewusst werden.

Dôgen unterstreicht die große Bedeutung des Dialoges zwischen den Meistern Dai-i und Daiman zur Buddha-Natur, die den Zen-Buddhismus in China und damit bis heute wesentlich geprägt und gestaltet haben. Die großen Meister von Obai, vom Joshu-Distrikt und Dai-i-Berg haben später auf diesen fundamentalen Aussagen zur Buddha-Natur aufgebaut.

Die Buddha-Natur zielt zentral auf die Frage nach dem Was eines Menschen und nach der Unfassbarkeit des Körper-und-Geistes. Mit dem Dies liegt der Fokus auf dem Hier und Jetzt des Augenblicks. Ohne diese Eckpunkte geht jedes Verständnis der Buddha-Natur in die Irre. Sie wird auch mit dem berühmten japanischen Wort mu beschrieben, das keineswegs das Nichts der Nihilisten bedeutet, sondern dass wir Täuschungen „nicht haben“ oder „ohne“ sie sind.


Solche Formulierungen sind für uns Menschen des Westens zunächst schwer verständlich. Aber sie sind für das wahre Verständnis der Buddha-Natur von großer Bedeutung und erfordern einen radikalen Paradigmenwechsel in unserer westlichen Vorstellung, die im Allgemeinen sehr dinghaft, Idee-orientiert und durch unterscheidendes trennendes Denken geprägt ist.

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