Montag, 5. Juni 2017

Wie werden wir im Augenblick Buddha?

Dôgen sagt:

Wir werden sofort genau in dem Augenblick Buddha, (wenn wir) ohne sind, (das ist) die Buddha-Natur. Wer diese Aussage niemals gehört und beherzigt hat, ist nicht Buddha geworden.“

Das klingt eigenartig, ist es aber nicht. Im Zen weisen scheinbare Paradoxien oft auf ganz zentrale Wahrheiten der alten Meister hin. Dôgen verstärkt:

"Wer die Wahrheit nicht kennt, dass „alle Lebewesen, die ohne sind, die Buddha-Natur sind“,

kann demnach laut Dôgen unmöglich den wahren Buddhismus erfahren und erlernt haben. Meister Konin hatte sofort intuitiv erkannt, dass Daikan Enô bei seiner Ankunft den festen Willen und die Fähigkeit hatte, den Buddhismus in Theorie und Praxis authentisch zu erlernen.

Damit zeichnete er den Weg und die Art und Weise des Lernprozesses für Daikan Enô präzise vor. Dieser sollte also die Wirklichkeit und nichts als die Wirklichkeit erlernen; dazu dienten sowohl die Zazen-Praxis als auch andere konkrete praktische Arbeiten im Kloster.

Als Nächstes zitiert Dôgen noch einmal Daikan Enô:

„Die Menschen haben Süden und Norden, aber die Buddha-Natur ist ohne Süden und Norden.“

Dôgen fordert uns auf, diese Aussage sehr genau zu untersuchen und dabei mit unverstelltem Geist vorzugehen – man könnte auch sagen mit Anfängergeist im Sinne von Shunryu Suzuki: ohne Vorbedingungen, ohne zu verurteilen und frei von ideologischen Verhärtungen.

Ich interpretiere Daikan Enôs Worte folgendermaßen: Die Bezeichnungen Norden und Süden sind auf eine materielle Ebene beschränkt, die nicht in der Lage ist, die höchste Ebene des Erwachens, der Wirklichkeit und damit der Buddha-Natur zu beschreiben. Außerdem schwingt darin die damals übliche Diskriminierung des Südens durch den Norden mit.


Derartige Bewertungen und Diskriminierungen haben im Zusammenhang mit der Buddha-Natur aber nicht die geringste Bedeutung. Im Gegenteil: Sie sind schädliche "likes" und dislikes". Die Buddha-Natur ist die wahre Natur des Menschen und der Welt; räumliche Zuordnungen sind daher nicht relevant. Zu dieser Natur kann sich nach Buddha jeder entwickeln und emanzipieren.

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