Freitag, 20. Oktober 2017

Das wahre Natur des Menschen sehen



Wer auf dem Weg ist, die wahre NATUR des Menschen, also die Buddha-Natur, zu sehen, reduziert sich nicht allein auf die äußere Form. Gerade in Familien und in der Partnerschaft sollten wir auf Feinheiten im Ausdruck des Gesichts und auf die ganze Körpersprache achten. Wie verändert sich die Sprache des Gesichts und des Körpers in Wechselwirkung mit unseren eigene Worten und unserer Tonlage? Machen wir, dass sich ein Lächeln zeigt, das uns mehr über den inneren Prozess beim anderen sagt, als der formale Inhalt des Gespräches? Und: Die wahre Natur ist keine Erinnerung und keine Erwartung, denn beides ist recht unzuverlässig, sondern genau dasjenige, was im AUGENBLICK da ist. Diese tiefe Weisheit des Zen wird von der modernen Gehirnforschung voll bestätigt.

Laut Nishijima und Cross unterscheidet Dôgen zwei verschiedene Arten des Sehens.[i] Zum einen geht es um das materielle Sehen der äußeren Form, also um eine oft eingeengte Dimension der Wahrnehmung mit den Augen. Zum anderen ist das intuitive, umfassende Sehen und Schauen gemeint, das für die den Lernprozess und die Erfahrung der Buddha-Natur maßgeblich ist.

Dôgen untersucht Nâgârjunas Lehre mit großer Sorgfalt. Er beginnt damit, dass der Körper die Rundheit des Mondes manifestiert und die Physis der Buddhas damit zeigt. Er interpretiert die Physis und Rundheit des Mondes also sehr konkret als Form und nimmt damit Abstand von einer esoterischen und nicht-körperlichen Erklärung. Auch diese Rundheit will genau beobachtet sein!

Nishijima und Cross erläutern, dass Nâgârjuna aber von seinem Körper-und-Geist redet, der ganz konkrete Eigenschaften habe, aber gleichzeitig eine ungeteilte Ganzheit mit dem Universum sei.[ii] Es geht also um die spirituelle und konkrete umfassende Ganzheit.

Dôgen grenzt sich konsequent von jenen ab, denen der eigene Körper fremd geworden ist. Sie seien nicht nur ignorant gegenüber der Rundheit des Mondes, sondern auch gegenüber der Physis der Buddhas. Insbesondere kritisiert er törichte Menschen, welche

die Rundheit des Mondes als die Manifestation eines fantastisch transformierten (übernatürlichen!) Körpers“

bezeichnen. Solche Versionen gibt es auch heute bei manchen buddhistischen Lehrern. Das führt aber von der klaren Wirklichkeit fort in die spekulative Scheinwelten der Illusionen und gibt falschen Heiligen den angestrebten Raum für Macht und Missbrauch. Dies ist nach Dôgen eine völlig abwegige Idee derjenigen, die keine authentische Übertragung von Buddhas Wahrheit empfangen hätten.

An welchem Ort und in welchem Augenblick mag es eine andere Manifestation eines ganz anderen Körpers geben?“,

fragt er und erklärt, Nâgârjuna habe ganz einfach wie jeder andere Mensch auf seinem Sitz gesessen. Er habe sich als Meister ganz konkret manifestiert, jenseits von diffusen Begriffen oder Vorstellungen wie Existenz und Nicht-Existenz oder von Unsichtbarkeit oder Sichtbarkeit:

„Es ist genau der Körper, der sich genau (und umfassend) manifestiert.“

Anschließend führt Dôgen aus, dass die Rundheit des Mondes symbolisch für die Erleuchtung und die Buddha-Natur steht:

„Dieser Ort ist der Ort, wo etwas Unfassbares da ist. Erkläre es (wenn du willst) als fein, oder erkläre es als grob.“ 





[i] Shobogenzo, englische Fassung, Bd. 2, S. 16, Fußnote 71
[ii] ebd., Fußnote 72

Freitag, 13. Oktober 2017

Die Rundheit des Mondes


Die Buddha-Natur wird ganzheitlich und maßgeblich durch die äußere Form zum Beispiel eines Meisters offenbar. So manifestiert sie sich als Wirklichkeit. Gerade bei nicht authentischen Meistern kann man daher durch genaue und geschulte Beobachtung erkennen, ob sie ihre Schüler vielleicht missbrauchen oder nicht. Wenn zwischen dem wahren Buddhismus und dem Handeln eine Lücke klafft, kann das einer genauen Beobachtung nicht entgehen. Ich möchte z. B. an die Probleme bei Sogyal Rinpoche erinnern, denn für den Missbrauch ist das falsche Vertrauen der Schüler notwendig.

Dôgen fügt dann eine weitere Erläuterung hinzu, die sicher oft zu Missverständnissen Anlass gibt:

„Der formlose(nicht fixierte) Zustand des Samâdhi in seinem körperlichen Zustand stellt den vollen Mond dar. Die (wahre) Bedeutung der Buddha-Natur ist offensichtlich und klar in aller Transparenz.“

Nishijima und Cross erläutern hierzu, dass damit nicht gemeint ist, dass es sich um einen unsichtbaren imaginären Zustand des Samâdhi handelt, sondern dass fixierte und starre Formen des Samâdhi ausgeschlossen werden sollen. Der Zustand Nâgârjunas ist also nicht fixiert und festgelegt, sondern beweglich je nach dem Hier und Jetzt.[i]

Nach der Überlieferung verschwand der Kreis des vollen Mondes umgehend, und der Meister saß auf seinem Sitz und lehrte die versammelten Menschen:

„(Dieser) Körper manifestiert die Rundheit des Mondes,
dadurch zeigt (der Körper) die physische (Form) der Buddhas.
Die Lehre des Dharma hat keine fixierte Form.
Die wahre Funktion ist jenseits von Tönen und Sichtbarem.“

Dôgen verdeutlicht anschließend noch einmal in eigenen Worten, dass die wirkliche Funktion jenseits der Manifestation von Tönen und Sichtbarem ist und dass es keine festgelegte Form gibt, wie der Buddha-Dharma gelehrt wird. Auch hierbei soll also keine dogmatische Fixierung erfolgen. Ich vermute, dass falsche Lehrer häufig mit fixierten Formen, Gesten und Posen arbeiten.

Er geht er auf die einzelnen Aussagen und Geschehnisse der geschilderten und sehr bekannten Überlieferung der Manifestation der Buddha-Natur zu Nâgârjuna und Kanadeva ein. Dabei legt er Wert auf ein tiefgründiges und spirituelles Verständnis, das die wesentlichen buddhistischen Schwerpunkte aufzeigt und erläutert.

Es ist klar, dass wir die Buddha-Natur verwirklichen können, aber dies ist unmöglich, wenn Ich-Stolz vorherrscht. Dieser kann in sehr verschiedenen Formen und Varianten auftreten und ist nicht immer leicht als solcher zu erkennen. Auch in buddhistischen Gruppen kommt es vor, dass äußerliche Bescheidenheit und Höflichkeit verbergen, dass der betreffende Mensch eigentlich überheblich und von der eigenen Großartigkeit erfüllt ist.

Oft basiert die versteckte Arroganz auf dem Gefühl der Überlegenheit in der buddhistischen Theorie oder Praxis. Solche Menschen sind meist sehr empfindlich, wenn ihre überzogene Selbstdarstellung in Gefahr gerät und angezweifelt wird. Sie reagieren dann oft erstaunlich aggressiv, sodass deutlich wird, dass die bescheidene und höfliche äußere Form nur eine dünne, oberflächliche Schicht ist. Der Buddha-Dharma ist sozusagen in das Innere des Menschen nicht vorgedrungen, sondern beschränkt sich auf äußere Verhaltensweisen und sein Gebaren.
Es gibt vielfältige Möglichkeiten, den Ich-Stolz zu überwinden, erklärt Dôgen:

Aber sie sind alle (Methoden) der Verwirklichung der Buddha-Natur, die wir als Verwirklichung durch die Augäpfel und das Sehen mit den Augen lernen sollten.“






[i] Shobogenzo, englische Fassung, Bd. 2, S. 15, Fußnote 69

Montag, 2. Oktober 2017

Die Buddha-Natur und der Körper Nâgârjunas

Dôgen berichtet, dass Nâgârjunas den Buddha-Dharma tiefgründig und sehr lebendig erläuterte. Die Zuhörer waren von der Treffsicherheit und Klarheit seiner Erläuterungen so beeindruckt, dass sie ihre vorherigen begrenzten Meinungen ablegten und sich der Fülle seiner Lehre öffneten. Ihr eingeschränkter Geist war verschwunden.

Wie es heißt, saß Nâgârjuna auf seinem Sitz vor ihnen und manifestierte und offenbarte seinen „freien Körper, der dem perfekten Kreis des Vollmonds zu gleichen schien“. Die Buddha-Natur manifestierte sich so als Körper Nâgârjunas.

Dann macht Dôgen seine zentrale Aussage zur Verbindung der Buddha-Natur mit dem Körper:
„Alle dort Versammelten hörten nur den Klang des Dharma. Sie sahen nicht die Form des Meisters.“

Der Nachfolger Nâgârjunas, Meister Kanadeva, erkannte dies ganz klar und fragte die Menschen: „Wisst ihr, was diese Form ist, oder nicht?“

Man kann sich diese Situation sehr gut vorstellen: Der große Meister Nâgârjuna legt die buddhistische Lehre in einem neuen und tiefgründigen Sinne aus und erläutert die Buddha-Natur, sodass die versammelten Menschen ganz von seinen Ausführungen gefangen waren, sie waren ganz Ohr. Aber zu hören reicht nicht, um die umfassende Wirklichkeit gerade eines erleuchteten großen Meisters zu erfahren. Dazu gehören seine Ausstrahlung, seine Gesten, seine Mimik und selbstverständlich der gesamte Körper. Dôgen nennt hierzu mehrere Beispiele von großen Meistern, die den Buddha-Dharma durch ihre Gestik und Mimik ganz wortlos lehrten.

Nachdem Kanadeva die Versammelten auf die Gleichheit des Körpers von Nâgârjuna und der Rundheit des Mondes als Symbol der Erleuchtung aufmerksam gemacht hatte, sagten sie:

„Die gegenwärtige (Form) ist etwas, das unsere Augen niemals vorher gesehen haben, unsere Ohren vorher niemals gehört haben, unser Geist niemals gekannt hat und unsere Körper vorher niemals erfahren haben.“

Das heißt, dass sie sich nun auch der konkreten körperlichen Form des Hier und Jetzt geöffnet hatten und nicht nur buddhistische Informationen mit ihren Ohren hörten. Kanadeva fasste dies folgendermaßen zusammen:

Der Ehrwürdige manifestiert hier die Form der Buddha-Natur, um sie uns zu zeigen.“


Freitag, 8. September 2017

Freude oder unehrliche Doppelmoral


Die Umwelt, andere Menschen, die Aufgaben und soziale Verantwortung werden im Alltag häufig zurückgestellt. Bringt uns das wirklich Vorteile?

Die Achtsamkeit in Gautama Buddhas Lehre und der Achtfache Pfad sind aber etwas ganz anderes. Dort geht es im Gegenteil um die Öffnung nach außen, anderen Menschen gegenüber und eine klare Selbsterkenntnis. Dadurch kann er dem Gefängnis des Ich-Leidens entkommen. Dies ist sicher in Zeiten des Individualismus besonders schwierig, weil diese Lebensphilosophie ja gerade die Besonderheit und Einzigartigkeit des Individuums und des Ich betont. Egoismus, Ich-Zentrierung, Abschottung von anderen und der Umwelt treten dabei fast selbstverständlich als große Gefahren für den Menschen auf. Die erhoffte Freiheit durch die Emanzipation des Egos bleibt aber ein unrealistischer Traum, der Enttäuschung und sogar Gefühle des Misserfolgs nach sich zieht. Was bringt das Gegenteil? Es macht Spaß!

Der Ich-Stolz tritt psychologisch oft in Form der Opferrolle auf und ist dann nicht leicht zu erkennen. Was bringt das? Keine Freude! Der Betreffende fühlt sich permanent benachteiligt, in seinem Wert missachtet und ungerecht behandelt. Er sieht sich als Spielball anderer und böser Mächte. Dies geht meistens mit dem Gefühl der eigenen moralischen Überlegenheit einher: „Ich muss leiden, weil ich ein guter und idealistischer Mensch bin.“ Im Ergebnis kreist ein solcher Mensch dauernd um sich selbst und merkt nicht, dass er sich damit in einen eigenen, selbst gebauten Käfig einschließt. Auch die Opferrolle kann also starker Egoismus sein, der den Buddha-Weg blockiert.[i]

Der bekannte Fernsehjournalist Ulrich Wickert fasste dies in seinem Buch Der Ehrliche ist der Dumme zusammen. Wer immer ehrlich sei, werde Opfer der unmoralischen Welt. Ist das richtig? Nein, bestimmt nicht immer. Dies mag vielleicht für die Unterhaltungsbranche gelten, deren Sinn für die Realität bekanntlich besonders gering ist, die von Täuschungen und Illusionen lebt und in der rücksichtslose Karrieristen das Rennen machen und hohe Einkommen erzielen. Selbstverständlich gilt dies nicht für alle in der Medienbranche Tätigen, viele sind sich ihrer Verantwortung durchaus bewusst und handeln danach.

Der Stellenwert der Medien als kritische Begleiter der Mächtigen und Reichen ist völlig unbestritten und sollte auch keineswegs diskreditiert werden. Aber nicht selten kommt dabei eine unehrliche Doppelmoral zum Zuge: Die Kritik an anderen ist dann verbunden mit einer egoistischen Rücksichtslosigkeit von Populisten, die unbedingt im Rampenlicht stehen wollen.

Doch nun zu Nâgârjuna: Seine Zuhörer in Südindien fragten ihn etwas naiv: „Ist die Buddha-Natur groß, oder ist sie klein?“ Seine Antwort zeugt von dem tiefen Verständnis des Buddha-Dharma, das mit dem Dôgens übereinstimmt:

„Die Buddha-Natur ist nicht groß und nicht klein. Sie ist nicht weit und nicht schmal. Sie ist ohne Glück und ohne Belohnung. Sie stirbt nicht und wurde nicht geboren.“

Er argumentiert hier also im Wesentlichen mit der Negation von naiven Vorstellungen und Vorurteilen über die buddhistische Lehre zur Buddha-Natur. Angaben mit Maß, Zahl und Gewicht bezeichnet er als unwesentlich, und darüber hinaus erklärt er, dass es sich bei der Buddha-Natur nicht um seichte Glücksgefühle und vordergründige Belohnungen, zum Beispiel im Sinne der vereinfachten Karma-Lehre, handelt. Auch er lehnt jede dinghafte Vorstellung ab, etwa die Aussage, dass die Buddha-Natur geboren wird und stirbt.
Und was bringt die Buddha-Natur? Sie macht Freude!




[i] vgl. Freud, Anna: Das Ich und die Abwehrmechanismen

Freitag, 25. August 2017

Nagarjuna: Den Ich-Stolz beseitigen


Dôgen berichtet ausführlich von dem großen indischen Meister Nâgârjuna des Mittleren Weges und der Leerheit. Was sagt dieser große indische Meister zur zur Buddha-Natur?.[i] Er legt den Schwerpunkt auf die unauflösbare Verbindung der Buddha-Natur mit dem Körper und der Form. Eine getrennte Buddha-Natur von dem Handeln im Alltag und von anderen Menschen lehnt er ab!

Nâgârjuna stammte aus dem Westen Indiens[ii] und ging dann nach Südindien. Seine Lebensgeschichte ist von vielen zum Teil fantastischen Mythen umrankt, aber zweifellos ist er einer der wichtigsten Meister des Buddhismus insgesamt, und er gilt als bedeutendster Meister des Madhyamaka, Mahâyâna in Indien, Tibet, China Japan usw.. Als größte Leistung wird ihm die Formulierung der Leerheit und des Entstehens in Wechselwirkung – zwei Eckpunkte des Buddhismus – zugeschrieben. Es ist spannend, wie Dôgen die Lehre Nâgârjunas interpretiert.

Er schreibt, dass damals im Süden Indiens eine stark vereinfachte Lehre des Karma-Gesetzes vorherrschte. Es war das Ziel der meisten Buddhisten, als Gegenleistung für gute Taten ein gutes Karma zu erhalten, das ein glückliches Leben und vor allem eine gute Wiedergeburt garantierte. Ihr zentrales Anliegen war also ganz einfach das „Karma-Glück“. Aus ihrer Sicht war die Lehre von der Buddha-Natur unwichtig und sogar nutzlos, weil sie zum Karma-Glück nichts beitragen konnte.

Nâgârjuna sagt aber etwas ganz anderes:
„Wenn ihr die Buddha-Natur verwirklichen wollt, müsst ihr zuerst den Ich-Stolz überwinden und beseitigen.“

Er bezeichnet die egozentrierte Haltung des Ich-Stolzes als gravierende Hürde, die es den Menschen unmöglich macht, die Buddha-Natur zu verwirklichen. Das heißt, dass jeder egoistische Ich-Bezug und jede Konzentration allein auf sich selbst die Erfahrung dessen, was mit Buddha-Natur bezeichnet wird, verhindert. Das Streben nach dem eigenen Vorteil durch ein gutes Karma muss als spiritueller Egoismus gesehen werden.

Die meisten psychischen Störungen, die in der neueren Psychologie untersucht werden, sind gerade dadurch gekennzeichnet, dass sich die Menschen hinter einer oft unüberwindlichen Ich-Barriere verschanzen und aus diesem selbst gewählten und eingeübten Gefängnis nicht mehr herauskommen. Viele neuere Interpretationen der Achtsamkeit tappen ebenfalls in die Falle der Ich-Zentrierung, indem man die Aufmerksamkeit und Achtsamkeit allein auf sich selbst bezieht und sich dabei auf sein Selbst fixiert anstatt sich zu öffnen und Empathie zu entwickeln.




[i] Kap. 15, ZEN Schatzkammer, Bd. 1, S. 141 ff.: „Die Buddhas und Vorfahren im Dharma (Busso)“
[ii] Das Leben Nâgârjunas ist von Legenden gekennzeichnet, vermutlich lebte er zwischen 150 und 250 nach der Zeitenwende.

Samstag, 12. August 2017

Ungläubiges Staunen


Dôgen arbeitet die tiefere Bedeutung der Begriffe „konstant“ und „unveränderlich“ heraus, das ist der Gegensatz zum Prinzip Buddhas der Veränderung, Emanzipation Entwicklung und Innovation. Die Trennung von Subjekt und Objekt sei die Ursache der scheinbaren unveränderlichen Konstanz, bei welcher der Geist vom Augenblick und der Sein-Zeit der Menschen getrennt ist.

Dôgen formuliert dies in der Sprache des Zen-Buddhismus so:
„Zusammengefasst gilt: Dasjenige ohne Konstanz und Dauerhaftigkeit, wie das Veränderliche: das Gras, die Bäume und der Wald, ist genau die Buddha-Natur.“

Denn die Natur, in diesem Fall die nicht-empfindenden Wesen, ist Augenblick für Augenblick genau in ihrem natürlichen Zustand. Die nicht-empfindenden Wesen sind niemals erstarrt und unveränderlich und gleichen nicht einem menschlichen Geist, der von Ideologien, materieller Gier, innerem Zwang und Abhängigkeiten okkupiert ist. Auch Länder, Berge und Flüsse seien niemals konstant und starr, auch sie seien die Buddha-Natur. Wer das erkannt hat, ist auf dem Weg der Erleuchtung und Freude.

Dôgen ist sich bewusst, dass eine solche Aussage in manchen buddhistischen Gruppen ungläubiges Erstaunen hervorruft, weil sie den tradierten Meinungen widerspricht, die sich angeblich auf die Sûtras von Gautama Buddha beziehen. Er drückt sich in diesem Zusammenhang recht drastisch aus:

„Wenn (solche Menschen) erstaunt sind und zweifeln, sind sie Dämonen und keine Buddhisten.“

Der Begriff des bedingten Entstehens wird auch heute noch häufig ausschließlich als prozesshafter Verlauf entlang der linearen Zeit verstanden. Dieser theoretische Gedanke ist zwar nützlich, um zum Beispiel eine ökologisch heile Umwelt für zukünftige Generationen zu erhalten. Mit Recht werden Joanna Macy und andere engagierte buddhistische Umweltschützerinnen und Umweltschützer nicht müde, darauf mit Nachdruck hinzuweisen.[i]

Aber die existenzielle und spirituelle Wirklichkeit ist auch nach meiner festen Überzeugung genau mit dem Augenblick verknüpft. Der existenzielle Augenblick kennt aber keine Aspekte wie Konstanz oder Nicht-Konstanz. Er ist die Existenz-Zeit ohne zeitliche Dauer. Augenblicke entstehen unaufhörlich und vergehen wieder, und genau in diesen Augenblicken ist die Zeit gleichzeitig Wirklichkeit und Existenz.[ii]

Aber die Augenblicke sind absolut isoliert und getrennt voneinander, wie bei einigen Zen-Buddhisten zu hören ist. Das wäre eine metaphysische Doktrin, die in der Wirklichkeit nicht gefunden werden kann. Denn ohne Zweifel sind dies auch Aktivitäten des Gehirns, das keine absolutern Trennungen kennt und permanente Dynamik des neuronalen Netzes kennzeichnet.

Das Geheimnis der Buddha-Natur ist die lebendige Wechselwirkung des Entstehens und die klare überintellektuelle Kraft des Augenblicks. Das sind die Kernaussagen zur Überwindung des Dualismus und des Leidens.



[i] Macy, Joanna: Geliebte Erde, gereiftes Selbst. Mut zu Wandel und Erneuerung
[ii] vgl. Seggelke, Yudo J.: Strahlende Zeit zum Handeln. Im Auge des Zen, Bd. 2

Freitag, 4. August 2017

Die Ganzheit von Körper-und-Geist


Dôgen betont, dass alle wichtigen Meister – vor allem diejenigen, die eine Zen-Übertragungslinie begründet haben – den Zustand, ohne Dauerhaftigkeit zu sein, im Augenblick erfahren und gelebt haben.

Denn das Leben und die Wirklichkeit sind niemals konstant, starr und ohne Veränderung. Gerade die Überwindung des Leides erfordert Prozesse der Veränderung und Emanzipation. Wenn man diesen Zustand im Augenblick selbst lehrt, praktiziert und an sich erfährt, ist das die Buddha-Natur. Aber ohne den Körper ist ein solcher Zustand überhaupt nicht möglich, das macht Dôgen eindeutig klar, denn es geht immer um die Ganzheit von Körper-und-Geist. Nur dann verwirklicht sich die Buddha-Natur.[i]

Der Buddha-Zustand der Wahrheit ist unauflösbar mit dem Körper und Handeln verbunden. Der Buddha-Zustand und die menschlichen Funktionen als Buddha sind natürlich und frei von Illusionen, Täuschungen, Übertreibungen und Extremen.

Extremismus ist ohne die Buddha-Natur!

Natürlich heißt in diesem Zusammenhang keinesfalls simpel und untrainiert, sondern die Natürlichkeit ist der höchste Zustand der Praxis und des Trainings und erfordert jahrelange ausdauernde Übung. Das weiß jeder Sportler, jeder Künstler und kreativ Tätige aus eigener Erfahrung.

Ein solcher Zustand ohne Dauerhaftigkeit tritt selbstverständlich auch bei Laien auf. Er ist also nicht vom Priesterstand oder vom Leben als Nonne oder Mönch abhängig. Mit dieser Feststellung kritisiert Dôgen einige auch mir seltsam erscheinenden Ansichten von sogenannten Buddhisten, die glauben, dass allein Mönche in der Lage wären, Erleuchtung zu erlangen und die Buddha-Natur zu verwirklichen.

Daher müsse eine Frau zunächst als Mönch wiedergeboren werden, um dann Zugang zur Buddha-Natur zu bekommen – eine groteske Vorstellung, die dem Buddhismus geradezu ins Gesicht schlägt.

Dôgen distanziert sich mehrfach im Shôbôgenzô scharf von solchen Diskriminierungen der Frauen. Leider gibt es auch heute noch buddhistische Länder, in denen Nonnen keine vollwertige Ordination erhalten können.



[i] Kap. 17, ZEN Schatzkammer, Bd. 1, S. 152 ff.: „Die Dharma-Blume der Wahrheit dreht die Blume der Dharma-Welt (Hokke-ten-hokke)“; Kap. 33, ZEN Schatzkammer, Bd. 2, S. 80 ff.: „Der Bodhisattva des großen Mitgefühls und des Helfens (Kannon)

Montag, 17. Juli 2017

Angst und Lebenssicherheit im Buddhismus


Die scheinbare Lebenssicherheit, die man durch die Selbstüberhöhung gewinnt, kann die eigene Angst und die eigenen Minderwertigkeitsgefühle nicht wirklich besiegen, denn sie ist Selbstbetrug und daher eine Scheinlösung. Der Mensch ist im Sinne von Joanna Macy in diesem Fall fixiert und kein offenes System; er kann am „Tanz des Lebens“ nicht teilnehmen.[i]

Auch die amerikanische Zen-Meisterin Joko Beck beschäftigt sich vor allem mit Problemen der Angst, Selbstüberschätzung, des Ich-Bezuges und der überstarken Ich-Grenzen, die hauptsächlich die Funktion von psychischen Schutzwällen haben.[ii] Aufgrund ihrer langjährigen Erfahrung mit Teilnehmern ihrer Sesshins und Seminare hat sie festgestellt, dass damit jedoch nur ein höchst brüchiger Schutz erreicht wird.

Eines ihrer zentralen Anliegen ist es, sich dieser Grenzen und Angstbarrieren bewusst zu werden, um sie dann abbauen und neue Kräfte entwickeln zu können. Joko Beck rät, das Leben einfach anzunehmen und dadurch „heil zu sein für das Leben“. Sie empfiehlt Offenheit und gesunden Realismus, wenn man etwas tun will, also eine realistische Eigenbewertung in Bezug auf die Zukunft.

Die Verhärtungen und Erstarrungen von Körper und Geist müssen aufgelöst werden, damit Körper und Geist wieder „fließen“ können. Man muss beweglich und offen für die Umgebung und für sich selbst werden, dann kann die Dualität von Ich und Objekt überwunden werden, und neue Energien fließen einem zu. Aber das ist gewiss leichter gesagt als getan.

Was rät uns nun Dôgen, um diese Probleme zu lösen?
Die Bedeutung des Ausdrucks „Was ohne Dauerhaftigkeit ist“, geht weit über das hinaus, was Nicht-Buddhisten aber auch einige buddhistische Gruppen darunter verstehen. Nishijima und Cross erläutern hierzu, dass Dôgen damit auf das Sanskritwort anitya anspielt, das im Allgemeinen die prozesshaft gedachte Vergänglichkeit, Veränderlichkeit und Nicht-Ewigkeit bedeutet.[iii]

Häufig versteht man unter anitya im Buddhismus das bedingte Entstehen, also die vernetzten Veränderungen. Diese werden wiederum im Zusammenhang mit der Leerheit (shunyata) gesehen, die andauernd und unveränderlich sei. Dies ist nach Dôgen und Nishijima Roshi aber eine unzureichende Erklärung.

Es geht hier vielmehr um den ganz kurzen Augenblick, der ja von Natur aus niemals dauerhaft und konstant ist und sich als Zeitdauer nicht vernünftig darstellen lässt.
Da laut Dôgen die Wirklichkeit und Wahrheit des Lebens, hier also die Buddha-Natur, genau im Augenblick mit uns identisch ist, handelt es sich um eine ganz neue Interpretation der Veränderlichkeit und der Buddha-Natur.




[i] vgl. Macy, Joanna: Geliebte Erde, gereiftes Selbst. Mut zu Wandel und Erneuerung
[ii] vgl. Beck, Charlotte Joko: Einfach Zen
[iii] Shobogenzo, englische Fassung, Bd. 2, S. 13, Fußnote 61

Samstag, 8. Juli 2017

Die Buddha-Natur ist nicht statisch sondern dynamisch


Die Buddha-Natur ist das wahre Selbst des Menschen. Ist sie in der modernen Zeit erstarrt? Der Zen-Meister Meister Daikan Enô gibt die Antwort.

Nach Dôgen sagte er klipp und klar, und das gehört zum Kernbestand der buddhistischen Lehre:
„Das ohne Statik ist Entstehen und ist die Buddha-Natur. Das, was Statik und Dauerhaftigkeit hat, ist der ein-dimensionale Geist, der alle Dharmas entweder in gut oder in schlecht unterteilt.“

Der hier angesprochene erstarrte und dogmatisch bewertende Geist ist also gerade nicht die Buddha-Natur. Er ist z. B. typisch für gewalttätige Extremisten, die wie in Hamburg, Fensterscheiben einschlagen und Autos abfackeln oder die wie in Syrien im Namen "Gottes" bomben und sogar morden.

Dass sich die Wirklichkeit wandelt und verändert, ist im Buddhismus eine wichtige und weit verbreitete Lehre. Typisches Beispiel dafür ist das wechsel-wirkende Entstehen in der Welt, also vernetzte Prozesse, die sich gegenseitig beeinflussen und jeweils Voraussetzung für alles Wachsen sind, für die Veränderungen des Gesamten und der vernetzten Teilsysteme. So funktioniert auch unser Gehirn, das neuronale Netz.

Die Veränderungen sind von zentraler Bedeutung für unsere Befreiung und Emanzipation von erstarrten Ideologien, Materialismus  und unrealen Weltanschauungen. Sie werden häufig nur zeitlich linear und eindimensional verstanden, was eine Verengung bedeutet. Weil man nur im Augenblick wirklich existiert, gibt es in diesem Zeitpunkt das höchste Maß an Wahrheit und zugleich den Impuls zur Befreiung aus Statik und Erstarrung, das sind wahre Veränderungen.

Es geht um den Zeitpunkt der vernetzten Prozesse, und wir erleben ihn existenziell als die Wirklichkeit gemäß der Sein-Zeit. Das ist das große Jetzt. Erstarrte Vorstellungen im Zeitablauf sind maßgeblich von eindimensionalen Denkprozessen und Vorstellungen abhängig, bei der Existenz-Zeit des Augenblicks sind sie demnach bedeutungslos. Erstarrte Vorstellungen und Ideologien führen zu Hass, Zerstörungswut und Intoleranz. Wie sollten"ohne" sein, das ist die berühmte Leerheit des Buddhismus!

Daikan Enô (Hui neng) sagt ganz klar, dass die Buddha-Natur ohne statische Dauerhaftigkeit aber voller Lebendigkeit ist, und dass der gewöhnliche Geist des Menschen im krassen Gegensatz dazu in konstanten dauerhaften Vorstellungen gefangen ist. Dies gilt vor allem für dogmatische Bewertungen und Unterscheidungen, wie total gut und total schlecht, richtig und falsch, moralisch und unmoralisch. So Etwas gibt er in der Wirklichkeit nicht. Daher ist es wichtig, sich der Gefährlichkeit von dogmatischen Bewertungen bewusst zu werden, sie zu erkennen und zu vermeiden.

Vor allem selbstgerechte moralische Bewertungen der "Anderen" werden meist zum überdimensionalen Aufbau des eigenen Ego und zur Selbstüberhöhung genutzt, auch wenn dies weitgehend unbewusst geschehen mag. Das hat zur Folge, dass die Wirklichkeit verdeckt und vernebelt wird, die unmittelbare positive Kraft der Wirklichkeit also geschwächt ist. Das führt zu Leiden und Unfreiheit, aber es kann durch die buddhistische Praxis überwunden werden. Unsere Erleuchtung ist ohne Ideologien und sie ist kraftvolle Lebendigkeit.

Montag, 3. Juli 2017

Meditation: Zazen-Praxis von Meister Dôgen

(G. W. Nishijima und Yudo Seggelke)


Kodo Savaki

Meister Dôgen war zunächst von seiner China-Reise enttäuscht, aber er hoffte, einen wahren buddhistischen Meister zu finden, um das zu erlangen, was er so sehr anstrebte. Am 1. Mai 1225 traf er dann Meister Tendô Nyojô. Er erkannte in ihm schlagartig seinen wahren Meister und studierte und praktizierte Buddhismus unter seiner Leitung. Die Tatsache, dass er mit diesem Meister zusammentraf, ist von größtem Wert für den Buddhismus. Bevor Dôgen ihm begegnet war, praktizierte er Zazen mit der Vorstellung, dass man auf ein Ziel gerichtet und mit großer Anstrengung die Erleuchtung erringen müsste. Die buddhistischen Lehren Tendô Nyojôs unterschieden sich vollständig von dem, was Dôgen bis dahin kennengelernt, aber auch, was er in China erwartet hatte. Meister Tendô Nyojô sagte mit großer Bestimmtheit:

„Zazen zu praktizieren bedeutet nur, Körper und Geist fallen zu lassen. Es ist nicht notwendig, dass wir Räucherwerk anzünden, Buddhas Namen rezitieren, unsere Sünden bekennen oder überhaupt Sûtras lesen. Aber wenn wir richtig sitzen, ist alles schon von Anfang an erreicht worden.“

Diese Worte bedeuten, dass die Zazen-Praxis das vegetative Nervensystem ins Gleichgewicht bringt und dass wir das einengende und verzerrende Bewusstsein von Körper und Geist verlieren. Wenn wir nur Zazen praktizieren, verwirklicht sich schon von Anfang an einfach und direkt die Freiheit vom eingeengten Bewusstsein des Körpers und Geistes. Diese Erkenntnis ist einer der wichtigsten Kernpunkte der buddhistischen Lehre überhaupt. Die willensmäßige Konzentration auf das Ziel der Erleuchtung ist also völlig sinnlos und zerstört gerade die wahre Zazen-Praxis. Das hatte übrigens schon Buddha bei seine beiden ersten spirituellen Lehrern erfahren.

Zazen ist nur das ruhige Handeln des Sitzens im gegenwärtigen Augenblick selbst. Wir müssen daher in aller Klarheit sagen, dass beim Zazen das Ziel, die praktische Methode und das eigentliche Handeln beim Sitzen vollkommen zu einer Ganzheit verschmolzen und damit ein Ganzes sind. Es ist sehr wichtig, dass wir Zazen einfach und ohne Verspannung als die erste Erleuchtung praktizieren, und wir müssen uns überhaupt nicht darum sorgen, wann die zweite Erleuchtung kommen wird.

Die erste Erleuchtung ist, Zazen im gegenwärtigen Augenblick zu praktizieren, indem wir Körper und Geist fallen lassen. Die zweite Erleuchtung ist das vollständige Verständnis der buddhistischen Lehre auf der Grundlage des ehrlichen täglichen Lebens als Mensch, der den Buddhismus praktiziert. Dabei ist der wichtigste Kern die Zazen-Praxis selbst, wie sie hier beschrieben wird und die wir in dieserKlarheit Meister Dôgen verdanken.

Er sagt zur Ganzheit von Zazen-Meditation und Ergebnis der Freiheit:
"Wenn nur irgendeine kleinste Abweichung existiert, dann wird diese Lücke der Abweichung (zum Beispiel durch Gedanken) sehr viel breiter und übertrifft sogar den ungeheuren Abstand zwischen Himmel und Erde. Wenn sich daher der kleinste Unterschied irgendeiner Art (zwischen Praxis und Ergebnis beim Zazen) ereignet, müssen wir wegen der Abweichung unsere geistige und körperliche Ausgeglichenheit vollständig verlieren.

Obgleich wir stolz auf unser klares Verständnis und reich mit klugen Entscheidungen ausgestattet sind, obgleich wir noch zusätzliches ausgezeichnetes Denken und dessen Wahrheit erlangen, obgleich wir den Geist klären, den Willen ertüchtigen und den Himmel großartig durchstoßen und den Kopf in den Bereich des denkenden Handelns bringen, misslingt es uns vollkommen, unseren Körper tatsächlich in den Bereich des wahren Handelns selbst zu bringen."


Und weiter: "Wenn ihr beständig dieses Etwas des Unfassbaren praktiziert, wird sich das Schatzhaus der Juwelen auf natürliche Weise öffnen, und es wird für euch leicht möglich sein, sie zu empfangen und zu verwenden – genau so, wie ihr es wollt.“

Hier geht es zum erweiterten Text:
http://yudoblog-f.blogspot.de/



[i] Dieses Kapitel ist auch in dem Buch „Aus meinem Leben“ von G. W. Nishijima abgedruckt.

Donnerstag, 22. Juni 2017

Die Frage der Buddha-Natur auf den Punkt bringen


Dôgen formuliert überraschend:

„Menschen werden Buddha, aber die Buddha-Natur kann nicht Buddha werden.“

Das klingt eigenartig. Was ist gemeint? Er fragt sogar weiter, ob der junge Daikan Enô sich dieser Tatsache bewusst war. Ich verstehe das so: Jeder Mensch kann erwachen und damit zur klaren Wirklichkeit gelangen. Genau diese Wirklichkeit und Wahrheit sind die Buddha-Natur. Es ist jedoch irrig zu glauben, dass die Buddha-Natur wie ein abgegrenzter Samen im Menschen vorhanden ist und sich dann verwirklicht. In diesem gedachten oder erträumten Fall wäre die Buddha-Natur vorher als eigene vom Menschen getrennte Entität da und würde dann irgendwie Buddha werden. Nach Nishijima Roshi wäre eine solche Vorstellung dem Idealismus zuzurechnen und damit irreal. Dieser gibt den nicht materiellen Ideen und Gedanken die höchste Bedeutung und behauptet sogar, dass sich Ideen materiell realisieren und so der Ursprung aller Form und Materie sind. Dôgen lehnt eine solche Irrlehre in diesem Kapitel kategorisch ab.

Er bezeichnet die Kraft, die Wirklichkeit und Wahrheit unverstellt und unverzerrt zu erkennen und zu erleben, als „die höchste Kraft der Sammlung“ auf die Wirklichkeit, genau so wie sie ist. Solche Formulierungen verwendet er häufiger im Shôbôgenzô, zum Beispiel: „Die Wirklichkeit ist durch die Wirklichkeit fokussiert“ und dadurch kraftvoll und nicht zerstreut. Das heißt, sie ist nichts als die Wirklichkeit selbst, ohne Zusätze, Verengung [i] und ohne überflüssige "Gehirnwellen" (ein Begriff aus dem Yoga).

Dôgen erklärt aber, dass er die Frage „Welches Konkrete ist die Buddha-Natur?“ für außerordentlich wichtig hält. Er überlegt, ob der junge Daikan Enô mit seinem damaligen Geist bei seiner Ankunft im Kloster diese Frage bereits gestellt hätte, und er bedauert, dass es nur wenige Menschen in seiner Zeit gab, die eine solch präzise Frage nach der Buddha-Natur stellen und untersuchen konnten. Spitzfindige Diskussionen der Theoretiker über die Existenz oder Nicht-Existenz einer "Entität der Buddha-Natur" hält er dagegen für überflüssig und bedeutungslos.

Bei dieser Frage geht es ihm weniger um ein Ergebnis oder eine scheinpräzise Definition, also eine behauptete abschließende Beantwortung, sondern darum, dass wir durch einen lebendigen Prozess der Analyse tiefer in die Bedeutung dessen, was mit Buddha-Natur bezeichnet wird, eindringen können. Denn Vorstellung und Bezeichnung sind nicht die Wirklichkeit, sondern deuten auf sie. Nicht mehr und nicht weniger.

Er empfiehlt uns, dass wir diese Frage
zweimal oder dreimal und für lange Zeitalter durchsieben“.

Dies ist ein sehr konkretes Gleichnis, das den Schwerpunkt auf das Handeln und Tun legt und nicht auf das erträumte Ergebnis. Es besagt, dass die eigentliche Kraft „genau im Sieb" und dem siebenden Menschen gegenwärtig ist. In seiner typischen Weise rät Dôgen uns, diese Frage aufzugreifen, zu behandeln und wieder loszulassen. Aber mit unsinnigen Fragen wie zum Beispiel, ob die Buddha-Natur ohne Materie, feinstofflich oder rein geistig sei, sollten wir uns nicht beschäftigen, sondern stattdessen sorgfältig praktizieren und sinnvoll handeln: Just do it, make yourself.






[i] vgl. Shobogenzo, englische Fassung, Bd. 2, S. 12, Fußnote 57

Montag, 5. Juni 2017

Wie werden wir im Augenblick Buddha?

Dôgen sagt:

Wir werden sofort genau in dem Augenblick Buddha, (wenn wir) ohne sind, (das ist) die Buddha-Natur. Wer diese Aussage niemals gehört und beherzigt hat, ist nicht Buddha geworden.“

Das klingt eigenartig, ist es aber nicht. Im Zen weisen scheinbare Paradoxien oft auf ganz zentrale Wahrheiten der alten Meister hin. Dôgen verstärkt:

"Wer die Wahrheit nicht kennt, dass „alle Lebewesen, die ohne sind, die Buddha-Natur sind“,

kann demnach laut Dôgen unmöglich den wahren Buddhismus erfahren und erlernt haben. Meister Konin hatte sofort intuitiv erkannt, dass Daikan Enô bei seiner Ankunft den festen Willen und die Fähigkeit hatte, den Buddhismus in Theorie und Praxis authentisch zu erlernen.

Damit zeichnete er den Weg und die Art und Weise des Lernprozesses für Daikan Enô präzise vor. Dieser sollte also die Wirklichkeit und nichts als die Wirklichkeit erlernen; dazu dienten sowohl die Zazen-Praxis als auch andere konkrete praktische Arbeiten im Kloster.

Als Nächstes zitiert Dôgen noch einmal Daikan Enô:

„Die Menschen haben Süden und Norden, aber die Buddha-Natur ist ohne Süden und Norden.“

Dôgen fordert uns auf, diese Aussage sehr genau zu untersuchen und dabei mit unverstelltem Geist vorzugehen – man könnte auch sagen mit Anfängergeist im Sinne von Shunryu Suzuki: ohne Vorbedingungen, ohne zu verurteilen und frei von ideologischen Verhärtungen.

Ich interpretiere Daikan Enôs Worte folgendermaßen: Die Bezeichnungen Norden und Süden sind auf eine materielle Ebene beschränkt, die nicht in der Lage ist, die höchste Ebene des Erwachens, der Wirklichkeit und damit der Buddha-Natur zu beschreiben. Außerdem schwingt darin die damals übliche Diskriminierung des Südens durch den Norden mit.


Derartige Bewertungen und Diskriminierungen haben im Zusammenhang mit der Buddha-Natur aber nicht die geringste Bedeutung. Im Gegenteil: Sie sind schädliche "likes" und dislikes". Die Buddha-Natur ist die wahre Natur des Menschen und der Welt; räumliche Zuordnungen sind daher nicht relevant. Zu dieser Natur kann sich nach Buddha jeder entwickeln und emanzipieren.

Mittwoch, 24. Mai 2017

Zen-Meditation und Buddha-Natur



Meister Konin fragt den jungen Daikan Eno (Hui Neng)

Wie kannst du erwarten, ein Buddha zu werden?“
Das kann man wie folgt zu verstehen:

Welche Art von Buddha-Werden erwartest du?“
Also etwa: Welchen Weg der Verwirklichung möchtest Du einschlagen?

Es geht auch für uns nicht um die Frage, dass wir die Buddha-Natur verwirklichen können, sondern wie wir das machen. Nach Dôgens Überzeugung ist es nicht hilfreich zu sagen, man hat eine Buddha-Natur oder man hat sie nicht. Es geht nicht um eine Ding-Metaphorik des Habens oder nicht Habens oder des Besitzens oder nicht Besitzens. Es geht überhaupt nicht um philosophische Metaphysik sondern konkret darum, wie der Mensch erwacht und sich von unnötigem Ballast befreit. Wie kann er das machen? Er sollte sich aus den Fesseln von Dogmen, Ideologien und anderen Abhängigkeiten befreien. Sie sind gerade keine die Stütze, sondern Hemmnisse und nicht das Hier und Jetzt.

Das lehrte Gautama Buddha und die chinesischen großen Meister praktizierten es und gaben es an uns weiter. Im Achtfachen Pfad der Befreiung sind die ersten beiden Blöcke: "Rechte Sichtweise" und "Rechte Entscheidung" und der achte die "Rechte Meditation". Das ist jedem zugänglich.

Dôgen gibt eine Fülle von sehr genauen Antworten zu Fragen über die Buddha-Natur. Er macht eine ganz zentrale Aussage über die Ganzheit der Buddha-Natur mit dem Zustand und der Dynamik des Erwachens:

„Die Wahrheit der Buddha-Natur ist, dass wir nicht über die Buddha-Natur verfügen, bevor wir den Zustand des Erwachens und damit Buddhas verwirklichen. Wir sind mit ihr ausgestattet und folgen der Verwirklichung des Zustandes von Buddha.“

Das Erwachen und die Buddha-Natur sind also unlösbar miteinander verbunden. Das heißt, dass wir die wahre Natur des Menschen erfahren, wenn wir erwacht und erleuchtet sind. Ganz wichtig ist es laut Dôgen, nicht nur theoretisch die Einheit von Buddha-Natur und erwachtem Zustand zu denken, sondern diese in der Praxis und Wirklichkeit selbst zu erfahren. Und dabei geht es um die Beobachtung und Achtsamkeit unserer eigenen Veränderungen auf dem Weg der Befreiung

Nishijima Roshi sagt in seiner direkten Art, dass bei der Meditation der Zazen-Praxis sich genau die erste Erleuchtung ereignet. Und das heißt nichts anderes, als dass wir dann eine Ganzheit mit der Buddha-Natur sind. Dôgen hält fest:

„Die Buddha-Natur und die Verwirklichung von Buddha werden unausweichlich zusammen im selben Zustand erfahren.“

Die Einheit von Buddha-Natur und Erwachen ist nach Dôgen ganz genau und wahr. Alle Lehren, die etwas anderes verkünden oder behaupten, sind selbst weit von der Buddha-Natur entfernt, erklärt er. Es wäre unmöglich, dass die große Wahrheit der Buddha-Natur den heutigen Tag erreicht hätte, wenn sie nicht die Qualität der Ganzheit mit dem erwachten Zustand hätte. Nur so könne man die Buddhaschaft verwirklichen. Und nur so könne die Aussage von Meister Konin verstanden werden:

„Die Menschen südlich der Berggipfel sind ohne (das Unwirkliche), (sie sind) die Buddha-Natur.“

Nishijima und Cross[i] erläutern hierzu, dass wir Buddha werden, wenn wir uns frei von allem machen, was nicht wirklich zu uns gehört.

Einen solchen Zustand erfahren wir in der Zazen-Praxis.






[i] Shobogenzo, englische Fassung, Bd. 2, S. 12, Fußnote 55

Sonntag, 7. Mai 2017

Unlösbar verbunden: das Erwachen und die Buddha-Natur


Solandra auf La Gomera

Das folgende Kôan-Gespräch zwischen dem fünften und sechsten Nachfolger in China, also dem überragenden Meister Daikan Enô (Hui Neng), eröffnet eine tiefgründige Dimension der Buddha-Natur. Dieses Gespräch hat laut der Überlieferung stattgefunden, als der junge Daikan Enô im Kloster seines Meisters Daiman Konin als „Anfänger“ ankam.
Daiman Konin fragte den Ankömmling:

„Woher kommst du?“ Und dieser antwortete:

„Ich bin ein Mann vom Süden der Berggipfel.“ Der Meister fragte weiter:

„Was möchtest du durch dein Herkommen erlangen?“  Daikan Enô erwiderte:

„Ich möchte Buddha werden.“ Daraufhin sagte Meister Konin scheinbar abweisend:

„Ein Mann aus dem Süden der Berggipfel ist ohne, (das ist) die Buddha-Natur. Wie kannst du erwarten, Buddha zu werden?“

Das klingt paradox, weil doch Daikan Enô als einer der größten und einflussreichsten Meister des Chan in China und des Zen in Japan gilt. Wie kann man dieses Kôan auflösen?

Meinte der alte Meister damit etwa, dass der Ankömmling aus dem Süden nicht Buddha werden kann? Das Gegenteil ist richtig. Hierzu muss man wissen, dass der Süden Chinas damals spirituell, kulturell und zivilisatorisch weniger entwickelt war als der Norden, in dem auch der Buddhismus einen deutlich höheren Entwicklungsstand hatte. Es geht hier um ein falsches Verständnis der Buddha-Natur und der Leerheit, das von Meister Konin richtig gestellt wird.

Das Kloster von Meister Konin lag im Norden Chinas, und man könnte seine Aussage daher so verstehen, dass ein Mann aus dem unterentwickelten Süden überhaupt keine Buddha-Natur habe und deshalb nicht Buddha werden könne.

Auf der Grundlage der in einem anderen Kôan-Gespräch zu dem Begriff „ohne“ wiedergegebenen Bedeutung ergibt sich jedoch eine zweite, viel wichtigere Bedeutungsebene: die Leerheit von Täuschungen und ethisch unheilvollen Doktrinen.

Diese Bedeutung wird bereits vom indischen Meister Nagarjuna in der tiefen Weisheit des Mittleren Weges herausgearbeitet. Damit sagt Meister Konin nichts anderes, als dass die wahre Bedeutung von Buddha-Natur und Leerheit gleich sind. Also ist die Leerheit kein Nichts sondern die höchste dem Menschen zugängliche Wahrheit! Und sie ist keine Idee und kein Ding sondern viel mehr: die reine Wirklichkeit ohne Störungen, Täuschungen, Verzerrungen, genau in der Wahrheit des Augenblicks.

Zweifellos hat Meister Konin dieses im Sinn, denn die Bedeutung der Leerheit ist sein Hauptthema, wie aus anderen Ausführungen deutlich wird. Seine Aussage ist also keineswegs eine Diskriminierung des Schülers aus dem Süden, sondern bedeutet etwa Folgendes:

Unabhängig davon, ob du, Daikan Enô, aus dem Süden oder aus irgendeiner anderen Gegend kommst, bist du ohne, also frei von allem, was nicht die Wahrheit und Wirklichkeit ist, zum Beispiel frei von Täuschungen, Illusionen, Ängsten, affektiven Abhängigkeiten, Gier, Hass und Verblendung usw..

Du bist nur die Wahrheit und Wirklichkeit, sonst nichts. Wer aber wie du die wahre Natur – die Buddha-Natur – verwirklicht, der ist damit auch in der Wahrheit und ist Buddha. Es bedarf also keiner fundamental neuen Existenz, du bist bereits Buddha. Es kommt nur darauf an, das im Augenblick zu verwirklichen, das ist Dein Erwachen.

Mittwoch, 19. April 2017

Zen in der Kunst des Bogenschießens und des Lebens

:

Der große Bogenmeister Genshiro Inagaki

Der zentrale Satz "ES hat geschossen!"

aus Herrigels berühmten Buch "Zen in der Kunst des Bogenschießens" hat mich ein Leben lang begleitet, aber erst seit wenigen Jahren schieße ich nun selbst. Was fasziniert an diesem Satz so sehr ? Oder sollten wir besser sagen: Welche Wahrheit gibt uns das Bogenschießen für die Kunst unseres eigenen Lebens?

Nachdem der bis dahin verkopfte deutsche Philosoph Herrigel in Japan Zen-Philosophie studieren wollte, machten ihm seine japanischen Freunde klar, dass er mit magerer Theorie nicht erfahren könne, was Zen wirklich ist. Er müsse eine Zen-Kunst erlernen, dann werde er selbst ohne fremde Einflussnahme seine eigenen existentiellen Erfahrungen machen. Seine erste Zeit mit dem Bogen-Meister waren vor allem durch Enttäuschungen, Missverständnisse und Rückschläge gekennzeichnet.

Aber dann eines Tages: Als der erste wahre Schuss gelungen war, verbeugte sich sein Meister und sagte "ES hat geschossen". Und er fügte hinzu, dass er sich nicht vor dem Menschen Herrigel verbeugen würde, weil es um mehr ginge. Das Es ist das gelungene Zusammen-Wirken von Mensch, Bogen, Sehne, Pfeil, Luft, Ziel usw. , aber auch und gerade ist es die Wechsel-Wirkung von Energie, Bewegung, Ruhe, Achtsamkeit, Körper-und-Geist, Kreativität und nicht zuletzt unserer eigenen Klarheit und Freiheit. Das ist der Augenblick: Entspannt in der höchsten Spannung, der Pfeil fliegt seinen wunderbaren Flug.

Es geht um das ganze Leben und es geht um das heutige Leben im Umfeld von Stress, digitaler Fragmentierung, Überforderung und drohenden Katastrophen. Aber ein solcher Schuss ist Emanzipation und Impuls für das weitere freie Leben zugleich: Welt und Menschen öffnen sich, Neuland des Lebens lädt ein, Ganzheit und Konzentration des Augenblicks sind da, das ist ZEN.

Übungsgruppe der Altbäckersmühle

Mein Freund, der Zen- und Bogenmeister KyuSei (Kurt Österle), drückt das in seinem neuen Buch "Zen im Weg des Bogens: Über die Kraft, aus der wir leben" (S. 39) treffend aus:

"Nimm den Bogen in die Hand und begegne dem ´Alltäglichen´ bzw. das ´Alltägliche´ wird dir begegnen. Damit habe ich eine Möglichkeit gefunden, die Herauforderungen des Lebens als eine Kunst zu begreifen" Und weiter: "...in jedem Augenblick die Sehne zu spannen, sodass der Pfeil fliegen kann."

Hier der link

Er hat den Zen-Weg des Bogens für den Westen mit westlichen Bögen gestaltet und in unsere Kultur integriert, ohne die Wahrheit des Zen-Bogens zu verlassen.

Wann und wo erfahren Sie selbst: "Es hat geschossen?"

***

Sonntag, 16. April 2017

Buddha-Natur und die Leerheit des Herz-Sutra


Im Herz-Sûtra heißt es

 „Form - Leere. Leere - Form“. 

Keineswegs ist damit nach Dôgen gemeint, dass es überhaupt keine Form und keine materielle Welt gibt und dass nur die isolierte Leere die Wirklichkeit ist [i]
Dies wäre eine irreführende philosophische Vorstellung, die sicher nicht der Inhalt des ursprünglichen buddhistischen Textes ist und schon gar nicht mit dem Verständnis und der Praxis des Zen-Buddhismus übereinstimmt. Zentrale Aussage des Herz-Sûtra ist demgegenüber, dass die Leerheit als Freiheit von falschen Doktrinen, wie des âtman, die immaterielle Seite der Wahrheit ist, die mit der materiellen Seite der Form in Übereinstimmung sein muss. Die Welt hat also immer eine materielle Seite der konkreten Einzelheiten und die nicht-materielle Seite, die ebenso real ist. Aber wir dürfen nicht auf die äußere Form fixiert sein.

Dôgen kritisiert massiv, dass manche behaupten, Materie könne absichtlich und mithilfe des Willens in Leerheit umgewandelt werden und umgekehrt könne die Leerheit aufgeteilt werden, um Materie zu erzeugen. Tatsächlich gibt es auch in einigen neueren buddhistischen Texten ein Erklärungsmodell, das versucht, die Leerheit materiell zu beweisen: Wenn man die Materie immer weiter aufteilt, bliebe schließlich nichts mehr übrig, daher sei die Materie leer. Als Begründung wird die moderne Physik herangezogen, die besagt, dass es keine Atome als kleinste unteilbare Einheiten gibt, wie uns von den Griechen übermittelt wurde, sondern dass man Materie immer weiter unterteilen kann, bis man zu den subatomaren Elementarteilchen gelangt. Diese seien aber immer weiter teilbar, beziehungsweise als kleine Energieprozesse existieren.

Dieser Argumentation liegt eine materielle, naturwissenschaftliche Lebensphilosophie zugrunde. Sie ist methodisch zweifelhaft, weil sie eine Schlussfolgerung aufbaut, die die Leerheit gerade materialistisch beweisen soll.

Genau diese materielle Scheinlogik lehnt Dôgen ab, denn die Leerheit ist eine Erfahrung der Freiheit vom Ideologien und Doktrinen der vierten und höchsten Dimension des Lebens nach dem Erwachen. Materielle Argumente können nur unvollständige Teilwahrheiten erfassen. Genauso unsinnig ist es, immaterielle Ideen oder unkörperliche Wesen als Ursprung anzunehmen, aus denen sich das Materielle und Formgebundene entwickeln würde oder ableiten ließe. Dôgen drückt das ganz einfach so aus:

„Leerheit, in der die Leerheit genau Leerheit ist.“

Die Erfahrung der Leerheit kann nur in der Leerheit selbst gemacht werden. Dazu zitiert er Meister Seikiso Keisho, der auf die Frage eines Mönchs

Was war die Absicht des alten Meisters (Bodhidharma), als er aus dem Westen kam?“ antwortete: „Ein Stein im Raum.[ii]

Das klingt nach einem der angeblich unverständlichen und paradoxen Zen-Zitate, ist es aber nicht. Nach meiner Ansicht will der Meister damit jedoch sagen, dass der konkrete Stein als Realität wichtig ist und wir uns nicht in spekulativen Welten des Denkens verlieren sollten. Denn woher soll der Meister die wirkliche Absicht von Bodhidharma kennen, ohne zu behaupten, dass er selbst allwissend ist? Das ist einem Zen-Meister total fremd. Der Raum zählt im Buddhismus bekanntlich zu den materiellen Elementen, also hier den Dharmas. Die spekulative Frage des Mönchs beantwortet der Meister indirekt, indem er sinngemäß sagt, dass der Mönch zu seinen Ideen und schönen spirituellen Fantasien die konkrete Form hinzufügen muss, um zur Wirklichkeit zu gelangen.

Der einseitige Idealismus ist genauso wenig wie der einseitige Materialismus in der Lage, die Wahrheit der Leerheit und der Buddha-Natur zu verwirklichen. Häufig wird  sogar behauptet, dass nur die Leere wie das Nichts die wahre Wirklichkeit ist. Dies wäre eine irreführende philosophische Vorstellung, die sicher nicht der Inhalt des ursprünglichen buddhistischen Textes ist und schon gar nicht mit dem Verständnis und der Praxis des Zen-Buddhismus übereinstimmt.

Häufig wird bei der den Begriffen „Form - Leere. Leere - Form“ beides durch ein "ist" verbunden, also "Form ist Leere". Das "ist" gibt es im Original des Sanskrit aber  nicht. Dann kann es allerdings zu Missverständnissen führen. Es geht m. E. gerade nicht um die Identität von Form und Leerheit, denn nach dem Mittleren Weg Nagarjunas gibt es in unserer Wirklichkeit weder die totale Identität noch die totale Differenz. Eine solche behauptete totale Identität wäre ja auch paradox und schwer nachvollziehbar.






[i] Kap. 2, ZEN Schatzkammer, Bd. 1, S. 36 ff.: „Die große intuitive Weisheit, die das Denken überschreitet (Makahannya haramitsu)“
[ii] Shobogenzo, englische Fassung, Bd. 2, S. 10, Fußnote 49